Ist der BMW-Kurs gerechtfertigt?

Seit mehreren Jahren bin ich im Besitz einiger BMW-Aktien. Ich habe mich gefreut, als jüngst die Kurse über 220% hinauskletterten, habe dann aber versäumt zu verkaufen. Ich hatte gehofft, daß der Kurs noch weiter steigen würde, weil man mir sagte, es seien Majoritätskäufer am Werk, Ist das auch Ihre Meinung? Oder soll ich nicht doch lieber jetzt verkaufen? K. M., Bad Harzburg

Antwort: Sie wissen selbst, daß es der Bayerische Motorenwerke AG, München (BMW), nach dem Kriege noch niemals gelungen ist, eine Dividende zu erwirtschaften. Seit 1956 werden die Verluste aus den Rücklagen gedeckt. Das ist für 1959 nicht mehr möglich, weil die Rücklagen mit dem Jahr 1958 aufgezehrt sein werden. Das Unternehmen lebt jetzt von der Substanz. In Fachkreisen glaubt man nicht, daß die neuen Modelle eine entscheidende Wendung herbeiführen können. Eine weitere Veräußerung von Werksgelände kommt nicht mehr in Frage. Unter diesen Umständen kann man nicht sagen, daß der Kurs von heute 180 v. H. gerechtfertigt ist.

Gehandelt wird offenbar der Marktwert, d. h. der Preis, den ein Interessent für die intakten Anlagen und einen ausgezeichneten Facharbeiterstamm zu zahlen bereit sein könnte. Ob es einen solchen Interessenten gibt, weiß die Börse gegenwärtig nicht. Sie vermutet nur. Und tatsächlich könnten die BMW-Anlagen für Daimler beispielsweise eines Tages sehr nützlich sein. Aber die Daimler-Leute (und erst recht Friedrich Flick) sind Kaufleute, die keine Überpreise zu zahlen pflegen. Sie müssen allerdings Wert darauflegen, das Gesellschaftskapital vollständig in die Hand zu bekommen. Die Majorität dürfte jetzt schon preiswert zu haben sein. Unter diesen Umständen sind natürlich noch Überraschungen möglich, aber auch ebenso große Enttäuschungen. Jedenfalls ist die Lage so undurchsichtig, daß wir es ablehnen müssen, Ihnen nach der einen oder anderen Seite hin Ratschläge zu geben. Die BMW-Aktie ist heute ein reines Spekulationspapier.