Von Manfred Sack

Er war nicht nur ein Architekt und ein Genie dazu, er war – selbst wenn man Louis H. Sullivan, seinen großen Lehrer, mit berücksichtigt – der größte Architekt Amerikas. Er war auch ein leidenschaftlicher Amerikaner, ein besessener Demokrat, ein unbekümmerter Individualist und ein wackerer Streiter wider den verhaßten Konformismus.

Zeit seines langen-Lebens – er starb vor drei Monaten im Alter von 89 Jahren – hat er, unbeeinflußt von Stilen, Geschmacksrichtungen, überkommenen oder neuen Theorien, seine eigene Auffassung vertreten. Er hatte etwas gegen "den Stil", sofern damit eine Richtung gemeint war, und er hat bittere Worte gegen die bis weit in seine Zeit reichende Nachwirkung von Renaissance und Klassik gebraucht. Naissance hieß eines seiner großen Stichworte; die Geburt einer Architektur, die, frei von Historismen und ästhetischen Dogmen, allein dem Menschen diene.

Er, ein Poet, ein Philosoph, hatte nicht zufällig den Titel für sein Schaffen selbst gefunden: Organische Architektur. Sie gibt sich am augenfälligsten in seinen Familienhäusern zu erkennen. Es sind Häuser, die dank der eigenwilligen Verwendung von Naturgestein und Holz als Prärie-Architektur in den Begriffsschatz der Amerikaner eingegangen sind. Dieser Mann, Frank Lloyd Wright, der, solange er gewirkt und provoziert hat, der von seinen Kollegen verachtet, ignoriert oder auch verehrt worden war (und wird) – dieser "ganz große alte Mann" der neueren Architektur hat zwei Jahre vor seinem Tode, 1957, sein architektonisches Glaubensbekenntnis abgelegt. Es ist jetzt in deutscher Sprache erschienen:

Frank Lloyd Wright: "Ein Testament"; Langen-Müller Verlag, München; 250 S., 180 Abb., 48,– DM.

Es ist ein bewegendes, herausforderndes, ehrliches Buch. Es geht keineswegs nur den Fachmann an, von dem Wright nie eine hohe Meinung hatte (Fachleute, sagte er, seien Menschen, die aufgehört hätten zu denken, weil sie schon alles wüßten). Es gehört denen, für die er stets gebaut hat: den freien Menschen.

Vermischt mit wesentlichen autobiographischen Notizen, birgt es Wrights konsequent erarbeitete Lehre. Es ist gewürzt mit sehr subjektiven Ansichten. Wright verteilt Hiebe, und er verschenkt Lob, wo es ihn nötig dünkt. Und an den Schluß stellt er seine wohlbegründeten und philosophisch fundierten Leitsätze, neun an der Zahl.