Autos sind Gegenstände des sogenannten „gehobenen Bedarfs“. Für ihn gilt die Regel, daß sich der Absatz mit steigendem Masseneinkommen kräftig erhöht. Daher beschäftigt sich auch die Autobranche intensiv mit den Aussichten auf dem Markt der Zukunft.

Der Verband der Automobilindustrie in Frankfurt hat die Absatzverhältnisse der „Automobilindustrie in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ in der Gegenwart und der Zukunft untersucht und das Resultat in einer Broschüre veröffentlicht. Im folgenden einige Fakten, die von allgemeinem wirtschaftspolitischem Interesse sind. In drei „kleineuropäischen“ Ländern spielt die Autoindustrie eine bedeutende wirtschaftliche Rolle. In Deutschland, Frankreich und Italien hatte sie an der verhältnismäßig raschen Aufwärtsentwicklung der industriellen Produktion in den letzten Jahren entscheidenden Anteil. Im vergangenen Jahr wurden allein in der Bundesrepublik rund 1 495 000 Kraftwagen hergestellt, in Frankreich 1 127 000 und in Italien rund 381 000. Nahezu ein Drittel der in diesen Ländern produzierten Wagen ging im letzten Jahr in den Raum außerhalb des Gemeinsamen Marktes. Führend im Export in dritte Länder ist die Bundesrepublik. Für Frankreich und Italien spielt demgegenüber der Markt außerhalb der EWG nur eine untergeordnete Rolle. Der Anteil der Lieferungen in Drittländer betrug in Westdeutschland 1958 rund 41 v. H. der Produktion, in Frankreich nur 20 und in Italien 23 v. H.

Wenn die EWG also ab Mitte des nächsten Jahres im Raum der Kleinen Freihandelszone gegenüber Großbritannien diskriminiert werden sollte – so wie sie selbst diskriminieren muß –, dann trifft dies die deutschen Automobilproduzenten schärfer als die französischen und italienischen.

Eine andere Überlegung: In Europa hat das Zeitalter der Motorisierung eigentlich erst nach dem letzten Krieg eingesetzt. Geht man von amerikanischen Maßstäben aus, so besteht bei uns wie auch in den anderen EWG-Ländern nach wie vor ein großer Nachholbedarf an Autos. Besonders ausgeprägt ist er in der Bundesrepublik und in Holland. Während in Westdeutschland 21 Einwohner auf einen Pkw kommen – in Holland 27 –, sind es in Belgien 15, in Frankreich 12 und in Luxemburg sogar nur 11. (Italien nimmt mit 41 Einwohnern pro Pkw eine Sonderstellung am unteren Ende der Skala ein.)

Welche Autoindustrie im Raum der EWG – ob die deutsche, französische oder italienische – von diesem Bedarf in erster Linie profitieren wird, hängt leider nicht allein von der besseren Leistung ab. Die Kostenunterschiede, die heute bestehen, dürften kaum eine wesentliche Rolle spielen; sie sind zudem auch nur von vorübergehendem Interesse. Dagegen ist die Wirkung der unterschiedlichen Behinderung der Einfuhr durch Zölle und Kontingente auch noch in nächster Zukunft wichtig für die relativen Chancen der verschiedenen EWG-Länder. Die deutsche Autoindustrie ist hier benachteiligt. Die Bundesrepublik hat die Importe auf diesem Sektor liberalisiert, während Frankreich und Italien ihre Produktion immer noch durch enge Kontingente und hohe Zölle schützen.

Der Abbau dieser Schranken vollzieht sich nach dem EWG-Vertrag nur langsam. Erst in sechs bis sieben Jahren werden beispielsweise die Pkw-Zölle der EWG-Partner auf das deutsche Niveau reduziert worden, sein. Gegenwärtig beträgt die Einfuhrbelastung für Pkw in der Bundesrepublik 13 v.H. des Wertes, in Frankreich 27 v.H. und in Italien 36 v. H. (für Kleinwagen sogar 40,5 v. H.). Da die Bundesrepublik Vorleistungen in der Zollsenkung erbracht hat, braucht sie die Zölle in der nächsten EWG-Runde nichtabzubauen. In Frankreich werden die Sätze bei dieser Gelegenheit – Mitte des nächsten Jahres – auf 24 v. H., in Italien auf 32 (bzw. 36) v. H. reduziert. In regelmäßigen zeitlichen Abständen müssen auch die Kontingente aufgestockt werden.

Infolge des nur langsam absterbenden Protektionismus in den wichtigsten EWG-Partnerländern ist die deutsche Autoindustrie somit nach wie vor auf die Absatzmärkte dritter Länder und besonders des übrigen Europas angewiesen. Sie ist daher an einer gesamteuropäischen Wirtschaftsorganisation besonders interessiert. Mindestens erscheint schon angesichts der starken Stellung Englands eine liberale Außenhandelspolitik der EWG – die die Außenwelt zu liberalen Gegenleistungen anregen wird – als unerläßlich. Innerhalb des Gemeinsamen Marktes aber besteht die vertragliche Möglichkeit, Zölle rascher abzubauen und Kontingente rascher aufzustocken als es der Vertrag unbedingt verlangt. Uns scheint, daß es für alle Beteiligten – die Mitgliedländer wie die Außenseiter – wünschenswert ist, daß von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht wird.

Jacques Stohler