Frankreichs neue Liberalisierungsrunde

J. K. Paris, Ende Juli

Der französische Finanzminister Antoine Pinay ist ein vorsichtiger, aber beharrlicher Mann. Nachdem er auf Grund der Devisenbilanz des ersten Halbjahres 1959 festgestellt hat, daß die Einfuhr-Liberalisierung gute Resultate erzielt, hat er jetzt mit einer neuen Serie von Kontingentserweiterungen „in kleinen Paketen“ begonnen. Ende vergangener Woche ist der Liberalisierungssatz für Einfuhren aus der OEEC-Zone von bisher 90,8 auf rund 93 v. H. und für Dollareinfuhren von bisher 50 auf schätzungsweise 60 v. H. erhöht worden. Der Import von zahlreichen Investitionsgütern ist liberalisiert worden.

Auf dem Agrarsektor haben die Franzosen jetzt ungefähr ebensoviel liberalisiert wie die Deutschen, auf dem Rohstoffsektor sogar mehr (nachdem die deutsche Kohleneinfuhr kontingentiert worden ist); in der Liberalisierung der Fertigwareneinfuhr liegen die Franzosen dagegen noch erheblich hinter den Deutschen zurück mit einem Prozentsatz, der jetzt bei 86 v. H. liegen dürfte gegen 98,2 v. H. in Westdeutschland. Die Fertigwarenimporte sind auch der neuralgische Bereich, den der Finanzminister durch häufige, aber räumlich beschränkte Liberalisierungsangriffe einzuschränken beabsichtigt.

So sind für den September und für den Januar des nächsten Jahres bereits neue Liberalisierungsmaßnahmen angekündigt. In den betroffenen französischen Industriekreisen ist man zwar davon nicht begeistert, aber da die Wirtschaftsexperten einen Aufschwung für ganz Westeuropa im Herbst vorausgesagt haben, ist Pinay guter Hoffnung.

Dies um so mehr, als die Zahlungsbilanz Frankreichs im ersten Halbjahr 1959 das Prädikat „ausgezeichnet“ verdient. Die Wirtschaftssanierung hat hier spektakuläre Erfolge zu verzeichnen. Die Einfuhren sind auf 1,84 Mrd. Dollar (gegen 2,20 Mrd. Dollar im ersten Halbjahr 1958) oder um 16 v. H. zurückgegangen – und dies trotz der Anfang Januar erfolgten Liberalisierung –, während die Ausfuhren von 1,58 auf 1,75 Mrd. Dollar oder um 11 v. H. gestiegen sind. Der Ausfuhranstieg ist besonders bemerkenswert. Er beweist, daß die französische Industrie mit dem neuen Franc-Kurs und auf dem gegenwärtigen Preisniveau konkurrenzfähig ist. Der Einfuhrrückgang ist normal: Das erste Halbjahr 1958 fiel in die Periode der politischen Wirren mit all ihren nachteiligen Folgen wie Angstkäufen und Lagerbildung. Heute sind die Lager dagegen weitgehend abgebaut. Sie werden im zweiten Halbjahr 1959 erheblich aufgestockt werden müssen, so daß die Handelsbilanz im zweiten Semester wahrscheinlich nicht mehr so günstig ausfallen wird. – Die Zahlungsbilanz hat sich weiter gebessert. Der Überschuß dürfte Ende Juli rund 1700 Mill. Dollar erreicht haben. Die Netto-Devisen- und Goldeingänge waren allerdings im Juli weniger stark als in den Vormonaten und dürften nur etwa 60 Mill. Dollar gegen 150 bis 200 Mill. Dollar in den Vormonaten betragen haben.