Von Ernst Stein

Wir haben auf der Schule das Gedicht gelesen, wie der Vetter vom Land bei der Rückkehr aus der Stadt den hohen Kirchturm beschreibt: „Und innen soll er noch höher sein!“ Li der modernen Literatur gibt es Größen, die man ehrfürchtig bestaunt, vorsichtshalber von fern, denn innen sollen sie noch tiefer sein. Namen verehrungswürdiger Schatten stellen sich sogleich ein – Rudolf Borchardt, Rudolf Kassner, Paul Valéry – Hohepriester einer Esoterik, deren Weihe man sich nicht entziehen kann, auch wenn einem der Glaube fehlt. Sie schreiben nicht so sehr, als sie das Schreiben zelebrieren. Kühl angeweht, folgen wir dem Ritual ihres Denkens, besorgt, die Zeremonie zu stören, wenn wir mitzudenken versuchen. Lieber glauben wir unbesehen, daß sich Blut in Wort verwandelt hat, auch wenn wir aus dem literarischen Hochamt entlassen werden, ohne daß sich eine Taube vor. oben herniedersenkte.

Als der große Dichter schlechthin galt Paul Valéry großen Dichtern: Rilke, der ihn übersetzt hat, verhimmelte ihn, denn Rilke begriff in diesem Fall nicht, daß beim Ringen zwischen Dichten und Denken immer der Dichter, zu kurz kommt – und der Dichter Valéry schwieg zwanzig Jahre vor lauter Denken. Hofmannsthal, seines eigenen geistigen Adels sicherer als seines bürgerlichen, verehrte ihn, denn Hofmannsthal erlag leicht allem, was ihm vornehm von Geblüt erschien. T. S. Eliot, der sich unter allen Großen unserer Literatur mit seinen kritischen Wertungen am häufigsten blamiert hat, nannte Valéry den repräsentativen Dichter und gab ihm ausdrücklich den Vorzug vor Yeats und Rilke – aus angeborenem Unbehagen an dichterischem Überschwang, auch dem schönstgebändigten, der Eliot als Dichter wie als Essayist fremd ist.

Was sie alle an dem Denker Valéry bewunderten, war die gedankliche Höhe, auf der sie ihn glaubten. Was sie an dem Dichter Valéry ansprach, war der Mystiker, der mit der mathematischen Logik Hochzeit hielt. Es ist ein reichlich einseitiger Mathematiker, dem eine metaphysische Entziehungskur gutgetan hätte; und es ist ein Mystiker ohne Gott. So nennt ihn Frau Teste in dem berühmten und etwas peinlichen Brief, in dem Valéry sein Wunschbild des eigenen Ich entwirft, ein auf äußerste Unähnlichkeit angelegtes Selbstporträt. Es ist ein Mystiker ohne Jenseits, der Unendlichkeiten zwischen unzulängliche Einfälle legt und in erschöpfendem Vorspiel den letzten Gedanken beschwört, der alle anderen in sich begreift – aber nicht erscheinen will.

Hoher Respekt ist hier am Platz, nicht so sehr vor den Gedanken, die auf dem Papier ihren Niederschlag gefunden haben, als vor dem endlosen Weg, den Valéry zurückgelegt haben muß. Unterwegs scheint sich die Wanderlust zuweilen verbraucht zu haben, mitunter sind diese Aperçus etwas müde, nicht immer wert so langer Gedankengänge – manchmal sind sie von erschreckender Flachheit; man wagt kaum, es zu sagen, denn innen sollen sie höher sein. Das gilt auch von dem neuen Band der deutschen Valéry-Ausgabe:

Paul Valéry: „Windstriche“; Aufzeichnungen und Aphorismen; übertragen von Bernhard Böschenstein, Hans Staub, Peter Szondi; Insel-Verlag, Wiesbaden; 184 S., 12,80 DM.

Windstriche ... „Rhumbs“ heißen zwei Bändchen Valérys, aus denen unter anderm für diese Sammlung ausgelesen wurde – Rhombus, Raute; Winkelstand zwischen zwei Punkten der Windrose; Abweichung – das oder so was Ähnliches sind Windstriche. Es wird schon stimmen, aber es ist ganz und gar kein glücklicher Titel. „Wie die Kompaßnadel“ – sagt die einleitende Notiz des Autors – „bei wechselnder Fahrtrichtung ziemlich konstant bleibt, so lassen sich die Sprünge, die wechselnden Anwendungen unseres Denkens, die Schwankungen unserer Aufmerksamkeit, die Zwischenfälle bei der Tätigkeit des Geistes, die Unterhaltungen unseres Gedächtnisses, die Vielfalt unserer Wünsche, Gefühle und Impulse deuten als Abweichungen von einer irgendwie gleichbleibenden tieferen und wesentlichen Richtung des Geistes...“