In den letzten vier Nummern der ZEIT brachten wir die umfangreiche Arbeit „Wie man in Deutschland Medizin studiert“: in polemischer Absicht. Daß sich in den Artikeln auch subjektive Züge inden würden, war uns durchaus bewußt. Auch im Bereich wissenschaftlicher Ausbildung, Lehre und Forschung sind zahllose Fakten verschieden auslegbar: je nach persönlichen Erfahrungen. Aber auch vom subjektiven Standpunkt kann sich Licht auf die Objekte ergießen... Und es war nicht nur der Wille zur Fairness, der uns dazu bewegte, ausgiebig auch der „Opposition“ das Wort zu geben, sondern die Hoffnung, daß sich die verschiedenen Äußerungen zu dem summieren könnten, was man „die Wahrheit“ nennt. Hier folgen noch die Zuschriften dreier bedeutender Ordinarien. – Übrigens scheint es für unsere Situation charakteristisch zu sein (und unsere Absicht, die Anonymität des Verfassers zu wahren, auch hinterher zu rechtfertigen), daß in der Redaktion einige sehr entschiedene Akklamationen einliefen: Sie stammen von Briefeschreibern, die nicht namentlich genannt werden wollen und die doch einen Namen (zu verlieren) haben. Man darf hinter dieser Zurückhaltung nicht bedenkenlos allzu große Vorsicht wittern. Eher ist es schon die „Situation“, die beanstandenswert ist und die wir dementsprechend in den Artikeln angriffen. Notabene: Polemik heißt soviel wie Streit. Den Streit, dem wir hier um einer so wichtigen Sache willen wie der Medizin gern Raum gegeben haben, wird doch wohl niemand ernstlich als – Zank mißverstanden haben?

Es erscheint mir bedauerlich, daß zwei einer ernsthaften Diskussion würdige Themen, nämlich die zweckmäßigste Ausbildung unserer Medizinstudenten zu Ärzten und die fruchtbarste Organisation des wissenschaftlichen Lebens in der Universität, in der Form eines anonymen Pamphlets zur Erörterung kommen. Die vom Autor gewählte Anonymität erscheint allerdings verständlich, da er seine Argumentation mit zahlreichen persönlichen In/ektiven, die sich oft von der Wahrheit weit entfernen, zu begründen versucht. In den Antworter von Professor Büchner und Professor. Heilmeyer sind einige dieser Fehler schon richtiggestellt.

Für die lebendige Entwicklung unserer Universitäten scheinen mir immer noch die Grundsätze beherzigenswert, die Wilhelm von Humboldt in seiner Schrift „Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“ sowie in seinem Antrag auf Errichtung der Universität Berlin niedergelegt hat. Ich möchte einige Sätze wörtlich zitieren: „Es ist ferner eine Eigentümlichkeit der höheren wissenschaftlichen Anstalten, daß sie die Wissenschaft immer als ein noch nicht ganz aufgelöstes Problem behandeln und daher immer im Forschen bleiben, da die Schule es nun mit fertigen und abgemachten Kenntnissen zu tun hat und lernt. Das Verhältnis zwischen Lehrer um Schüler wird daher durchaus ein anderes als vorher. Der erstere ist nicht für die letzteren, beide sind für die Wissenschaft da.“ Und ferner: „1. die Tätigkeit immer in der regsten und stärksten Lebendigkeit zu erhalten; 2. sie nicht herabsinken zu lassen, die Trennung der höheren Anstalten-von der Schule (nicht bloß der allgemeinen theoretischen, sondern auch der mannigfaltigen praktischen besonders) rein und fest zu erhalten.“

Ein nicht unerheblicher Teil der uns heute beschäftigenden Problematik entstand dadurch, daß in zunehmendem Maße neben der Aufgabe der Forschung und der Heranbildung der jungen Forschergeneration die praktische Ausbildung von Ärzten, Lehrern, Richtern, Rechtsanwälten und praktisch arbeitenden Chemikern, Physikern, und so weiter Aufgabe der Universität wurde. Damit erfclgte der Einbruch der „Fachschulen“ in den Universitätsbetrieb.

In den ersten 30 Jahren dieses Jahrhunderts, in dem die deutschen medizinischen Fakultäten unbestrittenermaßen in der gesamten wissenschaftlichen Welt als vorbildlich galten, wurde allgemein anerkannt, daß ein ausreichendes ärztliches Niveau nur erreichbar ist, wenn jeder junge Mediziner sich mit diesem unablässig suchenden Geist der Universität vertraut macht und an ihm seine praktische Ausbildung genießt. Nur unter diesem Gesichtspunkt ist es verständlich, daß die große klinische Vorlesung als Mittelpunkt auch des medizinischen praktischen Unterrichts angesehen wird. Wird sie von Professoren gehalten, die ihres Amtes würdig sind, so erfüllt sie ihren Zweck, die wissenschaftlichen Probleme des Faches beispielhaft zu demonstrieren. Solchen Vorlesungen verdankten in der Vergangenheit Generationen von zum Teil weltbekannten deutschen Ordinarien ihre entscheidenden ersten wissenschaftlichen Eindrücke.

Daß neben diese Vorlesungen ein ausreichendes Maß von praktischer Unterweisung zu treten hat, ist bereits im derzeitigen Studienplan gewährleistet und könnte in no^h viel besserem Maße erreicht werden, wenn man bedenkt, daß die Zeit des Semesters nur fünf Monate im Jahr ausmacht. Will man dem Studenten zwei Monate gewähren, sich in der Welt umzusehen, um für sein späteres Leben wertvolle Eindrücke in sich aufzunehmen, so bleiben immer noch fünf Monate jährlich, das heißt in drei klinischen Studienjahren 15 Monate für die praktische Famulatur an Kliniken und großen Krankenhäusern, in denen sich der deutsche Student mehr praktische Kenntnisse aneignen könnte als selbst im angloamerikanischen System möglich ist.

Eine weitere Verbesserung des Medizinstudiums wäre möglich, wenn man dem schwedischen Vorbild folgen würde, das die Studenten zu der Zeit, in der sie die klinische Hauptvorlesung des Faches hören, für zwei oder drei Monate als Famuli in der betreffenden Fachklinik ganztägig oder halbtägig arbeiten läßt. Ein Versuch mit diesem System wird übrigens Zur Zeit in Deutschland an der Universität Gießen durchgeführt.