Von Walter Jens

Wir Kritiker sind ängstliche Leute. Wir erkennen Beziehungen, lieben Vergleiche, ordnen, sammeln und scheiden – doch den Richterspruch: „Diese Novelle ist schlecht, dieses Gedicht ist gelungen“ wagen wir selten. Gelobt sei deshalb der Tag, an dem uns ein Werk trifft, so vollkommen, so unvergleichlich in seiner Art, daß sich das Urteil von selbst ergibt. Ein solches Buch ist:

Guido Piovene: „18mal Italien“; R. Piper Verlag, München; 716 S., 24,– DM.

Welch ein Glücksfall! Ein Schriftsteller von Rang, komme de lettres, Stilist und Kenner zugleich, bereist drei Jahre lang das Land seiner Geburt. Impressionen, Porträts und Maximen folgen einander in zwanglos-harmonischer Weise; poetische Chiffrierung wird durch Beleg und Datum erhärtet. Hier schreibt ein Fachmann, der das Staunen nicht verlernt hat; hier ist jemand, der sehr genau Bescheid weiß, zu jeder Sekunde bereit, sich überraschen zu lassen.

Piovenes Optik ist zweifach. Er steigt in den Fesselballon und kriecht in den Keller, er wahrt Abstand und nähert sich den Dingen, bis er sie berührt. Er kennt die Welt: also kann er vergleichen. Er kennt die Heimat: also bleibt er zu Hause. Die verborgensten Türen öffnen sich ihm, Industrielle geben ihre Geheimnisse preis, Bürgermeister und Priester sprechen von ihren Nöten. Welche unvergeßlichen Porträts! Da ist Vittorio Cini, ein venezianischer Kaufmann, geprägt vom Geiste Macchiavells, da ist Beretta, der Rüstungsmagnat, herrschsüchtig und sentimental, nüchtern, wenn es um Zahlen, und verträumt, wenn es um museale Erinnerungen geht: der Atomkanonier streichelt die Armbrust. Da sind die Herrscher über Hunderttausende in ihren Palästen aus Glas und schimmerndem Chrom, Adriano Olivetti und Gaetano Marzotti – der eine genüssig und launisch, der andere, der Schreibmaschinenkönig, elegant und beinah verspielt: die Olivetti-Werke als moralische Anstalt!

Da sind die Priester, die Eminenz von Mailand, Kardinal Schuster, ein asketischer Greis mit einem kleinen Kreuzzugs-Tick, und der Pater Bevilacqua, Armen-Pfarrer zu Brescia, der seine eigenen Meinungen hat: „weniger Antikommunismus und mehr Evangelium.“ Da sind die alten Humanisten, Dante-Gourmets und Erasmus-Jünger mit weißlicher Haut, da ist der Waldenser-Pastor und der alte Geigenbauer aus Cremona: wie viele Stradivaris sind noch in der Welt?

Doch die Porträts, so köstlich-instruktiv sie auch sind, machen nur den kleinsten Teil dieses Buches aus. Wichtiger scheinen die Impressionen des Autors, flüchtige Notizen, Bleistiftstriche, kaum geahnte Arabesken. Mittelalterliche Totentüren, Fiat-Kasernen, etruskische Nekropolen – kaleidoskopisch gleitet es vorbei. Gleitet vorüber und bleibt haften; denn unter den Bildern, unter der verwirrenden Szenerie – Palio-Rennen in Siena, Mummenschanz in Ravenna, Wallfahrtsrausch in Loreto! – wird wieder und wieder die Hand des Puppenspielers erkennbar, und plötzlich fallen die Puppen herab, und der Autor tritt auf die Bühne. Dann wird belegt und gedeutet, Zahlen schwirren umher, exakte Verweise hemmen, wohlüberlegt, den Fluß der Erzählung. Aber wie interessant ist selbst die Belehrung: „jedem, der die italienische Küche, verglichen mit der französischen, für raffiniert hält, kann ich versichern, daß der Stockfisch auf Vicentiner Art von erlesener Qualität, ein Gericht von französischem Raffinement ist.“ Und nun kommt’s! „Man schlägt ihn zunächst gründlich mit dem Holzhammer und wässert ihn alsdann sechsunddreißig Stunden; dann wird er in kleine Stückchen geschnitten, mit geriebenem Käse bestreut und in Butter und Öl mit Sardellen und Zwiebeln angedünstet, dann auf kleiner Flamme gekocht und mit Petersilie, Pfeffer und Milch angerichtet. Nicht vergessen seien die „Torresani“, die Feldtauben, die, im Feuer geröstet, zu köstlichen, bröckeligen Larven werden.“