Von Francesco Kneschaurek

Die „National Association of Automobile Dealers“ (NAAD), der praktisch alle amerikanischen Automobilhändler angeschlossen sind, hat kürzlich einen Marktbericht veröffentlicht, dessen Ergebnisse die europäischen Automobilexporteure ebenso stark interessieren dürften wie die amerikanischen Autoproduzenten selber. Der Bericht befaßt sich nämlich mit dem Absatzmarkt für Kleinwagen in den USA und versucht, u. a. jene Käuferschichten näher zu analysieren, die sich in den letzten Jahren in zunehmendem Maße den europäischen Kleinwagen zugewendet haben.

Zu diesem Zweck wurden Tausende von Kleinwagenbesitzern aus allen Gegenden der Vereinigten Staaten nach ihrem Zivilstand, ihrer beruflichen Stellung und ihren Einkommensverhältnissen sowie nach der Ausrichtung ihres Bedarfes und ihren Kaufmotiven befragt. Die Ergebnisse dieser Analyse sind vor allem deshalb beachtenswert, weil sie ein völlig neuartiges Bild von der Struktur des amerikanischen Absatzmarktes für Kleinwagen vermitteln.

Erstaunlich ist einmal, wie viele wohlhabende Leute in den Staaten Kleinwagen kaufen. Drei Viertel aller Befragten haben ein Einkommen von mehr als 5000 Dollar im Jahr; mehr als ein Viertel verfügt sogar über Einkommen von mehr als 10 000 Dollar. Das durchschnittliche Einkommen der Befragten beläuft sich auf rund 8000 Dollar pro Jahr! Die meisten Kleinwagenbesitzer sind daher so wohlhabend, daß sie an sich durchaus in der Lage wären,, sich einen teureren „Amerikaner“ zu leisten! Damit wird die lange Zeit von den amerikanischen Autoproduzenten vertretene Ansicht entkräftet, daß die amerikanischen und europäischen Wagen zwei grundverschiedene Käuferschichten „ansprechen“ und daß der importierte Kleinwagen kein vollwertiges „Substitutionsgut“ für den amerikanischen Wagen sei.

Revisionsbedürftig erweist sich auf Grund der neuesten Marktanalyse der NAAD auch die These, nach welcher die europäischen Kleinwagen – sofern sie überhaupt von „wohlhabenden“ Käufern erworben werden – vorwiegend als Second Car“, d. h. als Ergänzung für den bereits im Besitz des Käufers befindlichen „Amerikaner“ dienen! 60 v. H. der Befragten besitzen nur ihren Kleinwagen. Die restlichen 40 v. H. sind zwar Zwei-Wageu-Besitzer; die Mehrzahl von ihnen erklärte jedoch, den Kleinwagen nicht als Ergänzung, sondern als künftigen Ersatz für ihren alternden „Amerikaner“ gekauft zu haben. Sie bestritten auch, einen neuen amerikanischen Wagen kaufen zu wollen, wenn ihr alter ausrangiert sein würde.

Interessant ist ferner, daß nur 11 v. H. der befragten Kleinwagenbesitzer ledig sind und als Einzelgänger fern von ihren Familien leben. 77 v. H. der Befragten sind verheiratet und haben ein Kind oder auch mehrere Kinder! Sie beanspruchen ihren Kleinwagen stärker als die Besitzer amerikanischer „Großraumwagen“ es normalerweise tun! Im Durchschnitt werden mit den europäischen Kleinwagen nahezu 1000 Meilen pro Monat zurückgelegt, mit den amerikanischen Großwagen dagegen nur wenig mehr als 900 Meilen. Ebenso überraschend ist die Tatsache, daß die Kleinwagen keineswegs nur für den lokalen Verkehr beansprucht werden, sondern daß die überwiegende Mehrzahl ihrer Besitzer sie auch laufend für Überlandfahrten benutzt und jedes Jahr eine längere Tour von durchschnittlich 3000 Kilometer mit dem Kleinwagen unternimmt.

Eine bemerkenswert große Zahl von Klein* wagenbesitzern nimmt im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben eine gehobene Position ein. Ein Viertel besteht aus Managern und „Executives“ und 37 v. H. aus Medizinern, Rechtsanwälten, Naturwissenschaftlern und Gelehrten. Die übrigen Kleinwagenbesitzer gaben folgenden Berufsstand an: Vertreter (11 v. H.), hochqualifizierte Arbeiter (13 v. H.), Angestellte (7 v. H.), Studenten (4 v. H.), Hausfrauen (3 v. H.), Farmer (1 v. H.) und ungelernte Arbeiter (1 v. H.).