Freistil-Diplomatie – Seite 1

Nixon und Nikita ringen in der Moskauer Arena

Die Szenerie auf der westöstlichen Drehbühne hat gewechselt. Über dem Genfer Panorama sind letzte Woche die Scheinwerfer erloschen. Im gleichen Augenblick begann sich alle Aufmerksamkeit auf den Schauplatz Moskau zu richten. Dort nämlich bekam man die interessantesten "diplomatischen" Dialoge zu hören, deren Ohrenzeuge die Welt seit Jahren geworden ist. Richard Nixon und Nikita Chruschtschow lieferten sich als Gladiatoren der Rhetorik einen Zweikampf, der alles in den Schatten stellte, was es bisher an ostwestlichen Wortscharmützeln gegeben hat.

Dabei hatte es noch vor ein paar Wochen so ausgesehen, als werde der lang vorbereitete Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten in der UdSSR nicht viel mehr sein als eine Höflichkeitsvisite ohne allzu große politische Bedeutung. Mit anderen Worten: Es schien, als werde man diesem Schauspiel keinen anderen Namen geben können als den unverbindlich-harmlosen Titel: "Ein Amerikaner in Moskau."

Doch in der Tat wurde aus dem Rencontre Nixon–Chruschtschow ein politisch sehr bedeutsames Ereignis. Mag sein, daß diese spektakuläre Begegnung nicht in dem Sinne ein "Gipfel" war, daß hier verbindliche Entscheidungen gefällt oder praktikable Lösungen vereinbart wurden. So viel aber steht fest: Diese Rußlandvisite Nixons – des Mannes, den seine Feinde, aber wohl auch zuweilen seine Freunde gern Tricky Dicky ("schlauer, kleiner Richard") nennen – diese Visite bedeutet eine deutliche Zäsur im Ringen zwischen den beiden Blöcken. Denn zweierlei ist hier geschehen, das diesem Besuch historisches Gericht gibt, und zweierlei auch, was die Welt faszinierte, weil dabei etwas Neues zutage trat.

Erstens sind in Moskau, vertreten durch, ihre besten Kämpfer, jene zwei Nationen in der diplomatischen Arena aufeinandergestoßen, die letzten Endes allein die Schwerter, das östliche und das westliche, in ihren Händen halten. Zweitens haben die beiden Politiker in einem Stil miteinander gerungen, der mit den Gepflogenheiten der Diplomatie, wie sie seit Jahrhunderten üblich war, nicht mehr das geringste gemein hat. Molotow, Wyschinski und auch Gromyko, vertraut mit den hergebrachten Spielregeln der großen Konferenzen, haben bei aller Härte immer noch versucht, das Florett zu benutzen. Chruschtschows kräftige Faust verschmäht ein solches Instrument: sie boxt. Und siehe, da kommt aus dem anderen jungen und mächtigen Land dieser Welt ein Politiker, der die Hemdsärmel aufkrempelt und ebenso beherzt seine Hiebe austeilt.

Nachdem die beiden mit großem Temperament und dabei doch mit kühlem Kopf eine Zeitlang so heftig aufeinander eingeschlagen haben, daß die diplomatischen Beobachter und wohl auch die Journalisten – eines solchen Schauspieles noch ganz ungewohnt – entsetzt die Köpfe abgewendet haben, da treten die beiden Kampfhähne aufeinander zu, schütteln sich die Hände, zeigen große Befriedigung über den guten "fight" und sind baß erstaunt darüber, daß irgend jemand denken konnte, sie hätten einander beleidigen wollen. Eine Beule – nun ja, was zählt das schon? Der andere hat ja auch eine.

Im Faustkampf erfahren

Freistil-Diplomatie – Seite 2

Keinen besseren Mann als Richard Nixon hätte Amerika, so scheint es, in dieses Match, das lange fällig war, schicken können. Der 46jährige kalifornische Politiker bringt alle jene Eigenschaften und Erfahrungen mit, die ein westlicher Faustkämpfer haben muß, der sich mit Nikita Chruschtschow in einen Ring stellen will. Er, der Sohn eines kleinen Tankstellenbesitzers aus der Gegend von Los Angeles, ein Anwalt, der sich von "ganz unten" emporgearbeitet hat, zeigt wirklich alles andere als die Persönlichkeitszüge eines "Kapitalisten". Er verbindet zudem große Zähigkeit mit schneller Auffassungsgabe, und in der harten Debatte kommt es ihm immmer wieder zugute, daß er nicht nur ein präzis funktionierendes Juristengehirn, sondern auch großen Mut hat. Diesen Mut bewies Nixon – reden wir nun also von seinen Erfahrungen – nicht nur in innenpolitischen Auseinandersetzungen, vielmehr auch bei den verschiedenen Auslandsreisen, auf die Präsident Eisenhower den Mann, den er wohl gern als seinen Nachfolger sehen würde, geschickt hat. In Asien war er und in Afrika. Und wer hätte wohl vergessen, mit welcher Bravour er es verstand, sich bei seiner Südamerikareise auch im Steinhagel zu behaupten?

Aber nicht nur durch Eignung und Erfahrung war Richard Nixon für diese Reise in die Sowjetunion gerüstet. Er hatte mit großem Fleiß alle erreichbaren Informationen durchgearbeitet, hatte seine taktische Marschroute sehr gründlich mit dem Präsidenten, den Militärs und den wichtigsten Politikern seines Landes durchgesprochen, hatte die prominenten amerikanischen Moskau-Reisenden über ihre Eindrücke befragt und hatte – das sei gerade in diesem Augenblick nicht vergessen – mit dem todkranken John Foster Dulles im Walter-Reed-Hospital darüber beraten, welches in der augenblicklichen weltpolitischen Situation die richtige Weise sei, als diplomatischer Gesandter dem russischen Bären gegenüberzutreten.

So hat denn von dem Augenblick an, als seine Boeing 707 auf dem Wnukowo-Flugplatz bei Moskau aufsetzte, der amerikanische Vizepräsident den sowjetischen Politikern und dem russischen Volk eine Show geboten, wie sie bisher noch keiner erlebt hatte. Sicherlich haben die Kritiker recht, die sagen, Nixon habe seine Kampagne für den amerikanischen Wahlkampf 1960 damit begonnen, daß er Menschen die Hand schüttelte, die ihm niemals ihre Stimme geben können: Sowjetmenschen. Aber für den augenblicklichen politischen Effekt – nämlich den Effekt nicht auf die amerikanischen Wähler, sondern auf eben die Sowjetmenschen und die sowjetischen Politiker – ist diese Erwägung sekundär.

Dies ist der erste offizielle Besuch eines hohen amerikanischen Staatsbeamten seit jenen Tagen, da Roosevelt zur Jalta-Konferenz reiste. Zwar haben während der letzten Monate Stevenson, Humphrey, Harriman und eine Gruppe amerikanischer Gouverneure die UdSSR besucht und auch mit Chruschtschow gesprochen. Doch keiner von ihnen ist, wie Nixon, als ein so selbstbewußter Ritter mit einem großen Knappentroß (etwa 70 amerikanische Journalisten heften sich an die Fersen ihres Vizepräsidenten) in das feindliche Lager aufgebrochen. Und keiner auch hat es gewagt, den obersten Kreml-Herrn mit verbindlichem Lächeln oder mit eiserner Miene so harte Wahrheiten zu sagen.

Unhöflicher Höflichkeitsbesuch

Nie zuvor ist es wohl auf einem Höflichkeitsbesuch so unhöflich zugegangen. Aber nie zuvor hat Nikita Chruschtschow wohl auch so deutlich gespürt, welchen Schlages die Leute sind, die ihm auf der anderen Seite gegenüberstehen. Und wenn man unterstellt, daß es richtig ist, was all die Gesprächspartner des sowjetischen Ministerpräsidenten immer wieder erklärten, daß nämlich Chruschtschow erschreckend wenig von der Welt diesseits des Eisernen Vorhanges und insbesondere von Amerika weiß, dann ist die Bedeutung des Nixon-Besuches gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Und diese Bedeutung ist wohl am besten so zu verstehen, wie sie der amerikanische Vizepräsident jedem Sowjetmenschen, der es hören wollte, mit einem sorgfältig auswendig gelernten russischen Sprichwort selber umriß: "Lieber einmal sehen, als hundertmal hören." Hans Gresmann