Das Deutsche. Fernsehen hat den 20. Juli nicht vorübergehen lassen, ohne wenigstens einen ernsthaften Versuch zu unternehmen, mit dem dieser Tag des aktiven Widerstands gegen das Hitlerregime den Massen in seiner Bedeutung bewußt gemacht werden sollte. Das Fernsehspiel „Mann ohne Namen“ von Curt Goetz-Pflug, in Berlin hergestellt, und eine von Fritz Brühl in Köln geschickt aufgebaute Diskussion bildeten eine Sinneinheit. Beide Beiträge müssen außerdem im Zusammenhang mit dem Tagesbefehl an die Bundeswehr gesehen werden, durch den die Männer des 20. Juli genau fünfzehn Jahre danach als Vorbilder gewürdigt wurden.

Die Kölner Diskussion über die Frage „Sol-„dateneid oder Gewissenspflicht?“ spitzte sich auf das Problem des Eidbruchs zu. Das Recht zum Widerstand wäre ja eine verfängliche Sache, wenn keine klaren Vorstellungen darüber beständen, was Gewissen ist und worauf es sich beim Bruch eines formalen Eids berufen darf. Zu diesem Thema äußerten sich protestantische und katholische Theologen in knappen Sätzen. Beteiligte an jenem Aufstandsversuch schilderten die historische Situation. Bemerkenswert waren die Äußerungen Graf Baudissins, der für die Bundeswehr neue Grundsätze einer „Inneren Führung“ aufgestellt hat und nun eine geistige Brücke zu jenem 20. Juli schlug.

Das Symptomatische der verschiedenen Widerstandsbewegungen gegen Hitler kam in dem gut photographierten Gespräche zur Geltung durch Äußerungen zweier Frauen, deren Männer als Exponenten der Rechten und der Linken dasselbe Widerstandsziel hatten: Gräfin Moltke, deren Gatte mit dem Kreisauer Kreis die Ideologie des Nationalsozialismus von innen überwinden wollte, und Frau Leber, Witwe des hingerichteten Sozialdemokraten. Wie stark diese Diskussion ins Heute zielte, wurde spürbar an der rückblickenden Bemerkung eines damals jungen Offiziers, der an dem Aufstand mitgewirkt hat. Er gab zu erkennen, daß theoretische Skrupel, wie sie hier behandelt wurden, für den Impuls zur Tat nicht ausschlaggebend gewesen seien. Man habe es einfach nicht mehr aushalten können...

Wiederholt wurde in dem Gespräch Bezug genommen auf das vorher gezeigte Fernsehspiel von Goetz-Pflug. Wie die Diskussion weniger historische Dokumentation war, und mehr der politischen Willensbildung diente, so ist auch „Mann ohne Namen“ nicht in erster Linie mit den Maßstäben der Form zu messen, deren es sich bediente. Sonst nämlich müßte man einwenden, daß mehr Prinzipien entwickelt als Handlung gezeigt wurde, daß Monologe zu lang gerieten und der Dialog weder sprachlich noch im dramaturgischen Zuschnitt auf der Höhe stand, die das Ethos der Handlung einnahm. Gleichwohl war es ein dankenswertes Unternehmen. Durch eine verzwickt hin und her springende Geschichte wurde der Zuschauer zum Nachdenken, zur eigenen Stellungnahme angeregt. Das war ein Fernsehspiel als politisches Forum-

Es blendete von der Kriegsgerichtsverhandlung gegen einen deutschen Soldaten der französischen Fremdenlegion, der Geiseln nicht erschossen, sondern freigelassen hatte, zurück zu einer ersten Befehlsverweigerung desselben Soldaten in der deutschen Wehrmacht. Damals hatte sich der Flaksoldat einem Exekutionsbefehl durch eine Ohnmacht entzogen, die ein Stabsarzt als simuliert erkannte. Der verständigte Militärarzt unterzog den Soldaten, anstatt ihn der Bestrafung preiszugeben, einer kräftigen Seelenwäsche, in deren Verlauf goldene Worte über schwache Nerven, Drückebergerei und jenen Widerstand gesagt werden, der Verantwortung auf sich nimmt. Später hat derselbe Soldat französische Geiseln erschossen. Als er dieses „Verbrechen“ und seinen wahren Namen dem französischen Kriegsgericht bekanntgibt, das ihn zum Tode verurteilen will, weil er als Fremdenlegionär Geiseln nicht erschoß, da erreicht das dramatische Spiel seine höchste Ebene: Die Fragwürdigkeit von Recht und Unrecht wird sichtbar, ein Sophismus, der durchaus lebensecht wirkte: Je nachdem, ob man sich unter Siegern oder Besiegten befindet, gilt dieselbe Tat als Tugend oder als Verbrechen. Die Problematik des Fernsehspiels „ging unter die Haut“. Eine Reihe prägnanter Schauspielerleistungen verdichteten es unter Goetz-Pflugs Regie: In der Titelrolle Herbert Stass, als Stabsarzt Walter Franck, dazu Eduard Wandrey als Gerichtsvorsitzender, Carl Kuhlmann als Offizialverteidiger, Fritz Tillmann als deutscher Oberleutnant und – eine Freude, sie wiederzusehen – Hilde Körber als des Angeklagten Mutter. J. J.