Von Marion Gräfin Dönhoff

Genf, im Juli

Ein Franzose in Genf sagte neulich: "Das Dumme ist, alle Rollen sind vertauscht. Wir stünden ganz anders da auf dieser Konferenz, wenn die Amerikaner so starr und intransigent wären wie wir, die Franzosen so diplomatisch-flexibel wie die Engländer und die Engländer so vernünftig wie die Amerikaner."

Daß die Engländer in den Augen mancher Verbündeten (nicht nur der französischen) allzu flexibel und unvernünftig erscheinen, das kann man in Genf (und nicht nur dort) gelegentlich feststellen. Was erzeugt diesen Eindruck? Was wollen die Engländer wirklich? Um dies herauszufinden, sprach ich mit verschiedenen Mitgliedern der britischen Delegation und diskutierte mit vielen englischen Journalisten. Die Quintessenz aller dieser Gespräche sieht etwa so aus:

Sehen die Engländer eine Alternative zu der bisherigen Politik des Westens?

Nein, es gibt keine wirkliche Alternative. Es gibt im Grunde nur drei denkbare politische Verfahrensweisen für den Westen: 1. Rollback und liberation, das heißt die aktive Zurückdrängung des Ostblocks durch den Westen und die Befreiung der unterdrückten Völker. Das war die nicht realisierbare Hoffnung, mit der die US-Republikaner 1952 in den Wahlkampf gingen. 2. Disengagement‚ also das militärische Auseinanderrücken der Blöcke zur Aktivierung von Diplomatie und Politik. 3. Abwarten und auf Veränderungen hoffen.

Warten ist doch das, was wir heute tun. Entsprechen wir damit nicht einer der drei von Ihnen erwähnten Möglichkeiten?