Bonn, im Juli

Das Bonner Landgericht ist ein imposantes Gebäude. Es sieht aus wie ein Renaissancepalast. Die Delikte allerdings, über die dort gegenwärtig verhandelt wird, sind weniger imposant. Ausländer notieren mit Verwunderung, daß hierzulande mit Kanonen, die noch aus dem alten preußischen Arsenal stammen, auf Spatzen geschossen wird, die erst in der Zeit der Wirtschaftsmanager flügge geworden sind.

Da wurde jetzt der Fall des Obersten Lepler verhandelt. Der Oberst ist Referent im Bundesverteidigungsministerium. Eine Konstanzer Firma hat ihm bei einer Dienstreise die Hotelkosten in Höhe von 13,25 Mark bezahlt. „Schwere Bestechung“, meint der Staatsanwalt dazu. Auch eine Reise nach Paris wurde ihm genau nachgerechnet. Er hatte mit seinem Duzfreund Dr. Klein, der gleichzeitig „Behördenvertreter“ zweier Firmen ist, die Stadt an der Seine besucht, wo er dienstliche Besprechungen führte und seinem Freund die Sehenswürdigkeiten zeigte. Die Fahrtkosten und einen großen Teil der Ausgaben in Paris bestritt Dr. Klein. „Eine Gefälligkeit, weil sich meine Frau um seine Kinder gekümmert hat“, erklärt Lepler.

Beide Freunde aber rechneten ihre Ausgaben über Spesen ab. Der Freund bei seiner Firma. Der Oberst die Fahrtkosten beim Ministerium. Usance? „Sie müssen einmal so eine Reisekostenabrechnung mitmachen. Da bekommt man einen Fetzen Papier in die Hand gedrückt, wird zur Kasse geschickt, bekommt sein Geld, und hinter einem stehen schon wieder Männer und warten

Vor zwei Wochen ist Oberst Löffelholz, ebenfalls Referent im Bundesverteidigungsministerium, wegen schwerer passiver Bestechung zu drei Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt worden. Löffelholz war ein bisher untadeliger Mann, wie ihm das Gericht bescheinigte. Er war in die „Fallstricke der Industrie“ geraten, Firmen hatten ihn bewirtet und untergebracht. Und: Er war im Leihwagen gefahren. „Eine seit Jahrzehnten übliche Usance“, erklärte der Generaldirektor von Mercedes-Benz. Das Gericht indes war anderer Meinung.

Die beiden Obersten haben getan, was in der Geschäftswelt üblich ist, was dort nicht einmal mehr als Kavaliersdelikt, sondern schon als Selbstverständlichkeit gilt. Sie, die im Gründe eigentlich auch schon Managerfunktionen haben, werden nach den Maßstäben militärischer Korrektheit beurteilt. Sie haben nicht korrekt gehandelt – daran läßt sich nicht deuteln. Aber kann man ihre Fälle – wie dies heute gern geschieht – wirklich als Korruptionsskandale bezeichnen?

Das Interesse der Öffentlichkeit an diesen „Skandalen“ scheint zu erlahmen. Beim Lepler-Prozeß saßen am Ende eines Verhandlungstages nur noch vier Zuhörer und ein Journalist auf den Publikumsbänken im Gerichtssaal. R. Z.