E. S., London, im Juli

Das Wort „International“ hat sich noch einen Schimmer von Magie bewahrt, und beim Betreten der Londoner „Internationalen Buchkunstausstellung“ erwartet man unwillkürlich etwas wie eine Völkerschau, reich an Eigenart und Vielfalt, Farbe und Gegensätzen. Aber das Auffälligste an dieser Veranstaltung des Verbandes National Book League ist die große Ähnlichkeit in der Produktion so unähnlicher Länder wie Bulgarien und Australien, Holland und Polen.

Es ist wenig da, wovon sich der Bücherfreund nicht trennen kann – es ist überhaupt wenig da, nicht mehr, als ein durchschnittlicher Sammler daheim stehen hat: etwa zwei Dutzend Länder, jedes mit etwa zwei Dutzend Publikationen. Der eigentliche Gewinn dieser Ausstellung ist weniger die Erbauung an schönen Drucken als die Fülle von Schlüssen, die sich aus ihr auf den Volkscharakter, den Geschmack und das Können der halben Welt ziehen lassen.

Der englische Druckerstreik hat der Ausstellung ihren Katalog vorenthalten, was besonders den Vergleich der Buchpreise erschwert; jedenfalls kosten Feldmarschall Montgomerys Memoiren auf Dänisch fast doppelt soviel wie im englischen Original – wie überhaupt die englischen Bücherpreise gegen andere Länder verhältnismäßig niedrig sind; dafür ist das Papier oft schlechter und der Einband fast immer. Dagegen sind die englischen Buchumschläge an wirksamen Einfällen kaum zu übertreffen – wie die englischen Plakate, denen sie viel verdanken.

Unter den skandinavischen Büchern wirken die norwegischen am lebhaftesten, auch sie vor allem durch geistreiche Schutzumschläge. Island druckt brav und schwunglos, aber es ist schon erfreulich, daß es überhaupt vertreten ist. Holland ist gediegen und flach wie immer – warum nur, wo doch auf anderen Gebieten so viel Neues, so viel Experiment aus Holland kam? Wenn sich die Schweiz Experimente leistet, und es sind verstiegene darunter, dann mehr, weil sie es sich leisten kann, als aus ungestümem Drang nach Neuland.

Griechische Bücher scheinen stets von einem Hauch der Antike gestreift, aber der Eindruck mag am Beschauer liegen. Spanien ist – auch hier – hinter der Zeit zurück, und ein großes Ballettbuch von dort ist mit den häßlichsten Zeichnungen behaftet, die man außerhalb der DDR finden kann. Die britischen Dominien wirken etwas hausbacken, mit plötzlichen Ausbrüchen von Temperament, so wenn Neuseeland ein Liederheftchen mit Maori-Mustern bestreut. Kanada ist übrigens auch mit einem Buch über Gerhart Hauptmanns Prosadramen, einer Veröffentlichung der Universität Toronto, vertreten.

Einen Stand habe ich beim Durchwandern der Ausstellung viermal übersehen, so unauffällig, so bescheiden wirkte er – wenn man von „wirken“ sprechen kann; darüber hing eine Tafel „Vereinigte Staaten von Amerika“. Und einen Stand habe ich beim Wandern viermal gesucht und nicht gefunden: Frankreich. O ja, Frankreich hat selbstverständlich seine Beteiligung angemeldet, hatte den Katalog seiner schönsten fünfzig Bücher des Jahres geschickt – aber die Bücher nicht.