Von Johannes Jacobi

Daß die Bayreuther Festspielvorbereitung über den künstlerischen Weg in die Zukunft uneinig ist, das konnte man schon im vorigen Sommer spüren. Versuchsballons wurden hochgelassen und nach negativem Erkundungsergebnis wieder eingezogen: Ob man denn immer nur Werke von Richard Wagner spielen müsse?

Über das im Jahr 1959 neu zu inszenierende Stück war ungewöhnlich lange keine Einigung zu erzielen. Schließlich gab Wieland Wagner seinen „Ring“ preis, um – wie man hört – Bruder Wolfgang nicht eine Neuinszenierung des„Tannhäusers“ einräumen zu müssen. Diese Oper repräsentiert mit den „Meistersingern“ und dem „Parsifal“ den Wieland-Stil, den seine Anhänger voreilig als den „Neubayreuther Stil“ schlechthin angesprochen haben.

Sie hatten ihre Rechnung ohne Wolfgang Wagner gemacht, der nicht nur der erfolgreiche Festspiel-Kaufmann und -Organisator, sondern auch Künstler sein möchte, als solcher jedoch nicht über das Experimentiertemperament Wielands verfügt. Nächstes Jahr kommt also „Der Ring des Nibelungen“ neu und unter der Regie des jüngeren Wagnerenkels auf die Festspielbühne. Da kann es Überraschungen geben.

Wieland Wagner selber kommentierte sich auf der diesjährigen Pressekonferenz gleichsam mit gedämpfter Trommel Klang: Er will Bayreuth nicht mehr als „Experimentier-Theater“. sondern schlicht als „Werkstatt“ verstanden wissen. Der junge Szenenrevolutionär, der nun auch schon in seinem fünften Lebensjahrzehnt steht, ist vom ersten Hauch der Vergänglichkeit berührt worden: „Bilder, die einmal gut waren, verlieren ihre Wirkkraft und brauchen sich ab.“ 1965, meinte er, werde vieles wieder anders aussehen müssen.

Mit der diesjährigen Neuinszenierung des fliegenden Holländers“ hat Wieland Wagner schließlich alle bayreuthwürdigen Werke seines Großvaters einmal auf der Festspielbühne in Szene gesetzt. Er ist also „durch“ und sucht nach neuen Ufern. Zuvor gilt es, eine bemerkenswerte Erkenntnis festzuhalten. Jahr um Jahr hat Wieland die Musik Richard Wagners als das Primäre, das zeitüberdauernd Geniale im Werke seines Großvaters gepriesen. Diesem vermeintlichen Absolutum sollte die modisch wechselnde Theaterszene dienen. Ein Kritiker hatte dafür bereits 1951 die Formel gefunden: Vor Wieland Wagner kommentierte in Bayreuth die Musik das Drama, seit Wieland Wagner wurde das Theater zum Kommentar der Musik.

Hier liegt die Wurzel für die bisherige Symbolüberladenheit der Wielandschen Wagnerszenen. Nun aber ist dem künstlerischen Repräsentanten Neubayreuths eine fundamentale Erkenntnis aufgegangen. „Wagner war ein Theatermensch“, sagte er in der Pressekonferenz, und die Noten seien nur als sekundäre Aufzeichnungen zu werten, die der vollendeten dramatischen Darstellung gelten sollen.“ Also erst das Drama und dann die Musik. Das stimmt. Wenn Wieland Wagner daraus ebenso radikale Folgerungen zieht wie aus seinem anfänglichen Irrtum über die Rangverhältnisse im Gesamtkunstwerk seines Großvaters, dann dürfte eine zweite Phase in Neubayreuth beginnen.