Neben dem allgemeinen wirtschaftlichen Interesse, das der Vereinigte Industrie-Unternehmungen AG, Bonn-Berlin, als einem der größten bundeseigenen Konzerne zukommt, erfreut sich dieses Unternehmen – oder auch nicht? – seit einiger Zeit eines publikumswirksamen Rufes als Privatisierungsanwärter. Allerdings dürften diese Erwartungen noch nicht in allzu naher Zukunft erfüllt werden. Nach den Vorstellungen des Bundesschatzministers sollte das 200 Mill. DM-Kapital der VIAG zunächst um 100 Mill. DM Aktien aus Gesellschaftsmitteln und um weitere 100 Mill. DM „Volksaktien“ auf 400 Mill. DM aufgestockt werden. Hierzu nahm jetzt in einer Pressekonferenz aus Anlaß des Jahresabschlusses 1958 der VI VIAG-Vorstand Stellung, nicht ohne jedoch darauf hinzuweisen, daß der ganze Komplex einer möglichen Privatisierung außerhalb der Kompetenzen des Vorstandes liegt. Die Privatisierung sei außerdem – so war zu hören – eine rein politische Frage. Deshalb wurde auch die Notwendigkeit einer Kapitalerhöhung aus Kapitalbeschaffungsgründen rundweg verneint, wobei allerdings – die gesetzliche Regelung vorausgesetzt – durchaus Neigung besteht, das Kapital aus Gesellschaftsmitteln aufzustocken. Aber die Beschränkung auf das freiwirtschaftlich vertretbar gehaltene Maß zeigt, daß sich die Vorstellungen des Vorstandes über die anzustrebende Größenordnung sicherlich nicht mit den Plänen des Bonner Ministeriums decken. Eventuelle Umwege über eine Teilprivatisierung des VIAG-Vermögens, die etwa eine Veräußerung der wichtigsten Tochter, der Vereinigte Aluminiumwerke AG, bringen könnte, wurden in der Pressekonferenz als „wirtschaftlicher Unsinn“ bezeichnet. Der VI VIAG-Konzern sei in seiner Struktur so ausgeglichen, daß die Herauslösung eines Gliedes – und gar noch des wichtigsten – nur Schaden stiften könne.

Die VIAG, die nach privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten geleitet wird, hat indessen etwaigen neuen Eigentümern eine ansehnliche Substanz zu bieten. Die VIAG-Interessen liegen im wesentlichen auf dem Gebiet der Stromerzeugung und einer darauf basierenden Elektrochemie. Dazu besitzt die Gesellschaft – neben einigen kleineren Beteiligungen – 25 v. H. des Kapitals der Ilseder Hütte und 31,28 v. H. der Ilse-Bergbau AG. Das in der konsolid. Bilanz ausgewiesene Anlagevermögen beträgt 656,9 (631,2) Mill. DM, aber die darunter aufgeführten Beteiligungen in Höhe von 150,9 Mill. DM, die sich auf Anteile an der Bayernwerk AG, Bayrische Wasserkraftwerke AG, Berliner Kraft- und Licht-AG, RWE, Ilseder Hütte, Ilse-Bergbau AG, Reichs-Kredit-Gesellschaft AG und die Deutsche Industrie-Versicherungsstelle GmbH, beziehen, enthalten erhebliche Reserven. In der Aluminium- und in der Stickstoffproduktion bestreiten die VIAG-Töchter, die Vereinigte Aluminium AG und die Süddeutsche Kalkstickstoff-Werke AG, jeweils 70 v. H. der westdeutschen Erzeugung. Beim Strom aus Wasserkraft sind es 32 v. H. (in der Elektrizitätserzeugung insgesamt 8 v. H.), und an der westdeutschen Braunkohlen förderung ist die VIAG-Gruppe mit 10 v. H. beteiligt.

Im vergangenen Geschäftsjahr sind die Unternehmungen der VIAG insgesamt wieder recht gut gefahren. Das Vorstandsmitglied der Holding, Dr. Karl Röhrs, erklärte in der Pressekonferenz, daß das Jahr 1958 ein Beispiel dafür sei, wie sehr das Unternehmen im internationalen Wettbewerb stehe. Die zurückliegenden Monate haben aber auch bewiesen, daß die Gruppe diesen stärkeren Wettbewerb gut durchzustehen vermochte. Die konjunkturelle Abschwächung des Berichtsjahres zeigte sich auf der Stromerzeugungsseite – bei der Innwerk AG, der Bayernwerk AG, und der Bayrische Wasserkraftwerke AG – in einem rückläufigen Stromabsatz von 8,9 (9,6) Mrd. kwh. Auch die VAW mußte einen 13,5prozentigen Produktionsrückgang hinnehmen. Bei einer Erzeugung von 96 000 (112 000) t Hüttenaluminium blieb die Kapazität des Unternehmens, die der Vorstand auf 120 000 t beziffert, nur zu 80 v. H. ausgenutzt. Die Verwaltung der Aluminiumtochter weist auf die dafür verantwortlichen gestiegenen Importe an Rohaluminium hin, die durch ein zollfreies Kontingent begünstigt wurden. Die Gesellschaft habe sich unter dem Zwange des schärferen Wettbewerbs veranlaßt gesehen, die Preise für das Hüttenaluminium von 23 auf 216 DM je 100 kg zu ermäßigen. Die Zahlen des Wertumsatzes spiegeln diese Entwicklung wieder. Bei VAW verringerte sich der Umsatz im Berichtsjahr auf 436 (461) Mill. DM. Dennoch wird die VIAG-Holding auf Grund höherer Beteiligungserträge in die Lage versetzt, ihrerseits eine auf 9 (8) v. H. erhöhte Dividende an den Bund abzuführen. Nmn.