Amerikas 500 000 Stahlarbeiter streiken. Ihre Gewerkschaft will eine 15prozentige Lohnerhöhung und die Verlängerung der automatischen Lohngleitklausel durchsetzen. Dagegen jedoch wehren sich die Unternehmen: Sie wollen erst wieder die Arbeitsbedingungen im Betrieb unter ihre Entscheidungsgewalt bringen. Die Industrie hat sich auf einen Streik von acht Wochen Dauer eingerichtet.

Cleveland/Ohio, im Juli

Fahren Sie ruhig selber in die Fiats und sprechen Sie mit den Streikposten. Aber passen Sie auf: Die Boys gehen verdammt rauh mit den Leuten um, die zuviel fragen...“

Die Warnung des Redakteurs von der Lokalzeitung klang mir noch im Ohr, als ich langsam die schmale Straße hinunterfuhr, die sich zwischen mächtigen Rohrleitungen und durch allerlei Gestankwolken hindurch zu den Fiats hinabwindet wie in ein modernes Inferno. Fiats – so nennt man in Cleveland das weite Flußtal, in dem sich einige der größten amerikanischen Eisenhütten und eine Ölraffinerie ausgebreitet haben.

Der Fluß trägt den wohllautenden indianischen Namen Cuyahoga. Er sieht aber der Saar bei Völklingen zum Verwechseln ähnlich. Die langen schwarzen Leiber der Erzschiffe, die an beiden Ufern festliegen, sind alle mit großen weißen Lettern beschriftet: REPUBLIC STEEL. Republic Steel ist das drittgrößte Stahlwerk in den Vereinigten Staaten. Es beschäftigt 11 000 Arbeiter.

Sechs von ihnen saßen mit ausgestreckten Beinen auf einer Bank vor dem Haupttor und langweilten sich. Keiner hatte Lust, mit mir ein Gespräch anzufangen. „Dort ist die Werkspolizei, fragen Sie die!“

Schließlich kommt der Picket Boss, der Anführer der Streikwache. Er sieht aus wie ein unrasierter Schwergewichtsboxer. Seine Antworten sind barsch und abweisend. Aber er wird um eine Nuance zugänglicher, als er hört, daß ich für eine deutsche Zeitung berichten will.