Während die anderen Abgeordneten sich am Strand oder in den Bergen von den Bonner Strapazen erholen, fährt Will Rasner jede Woche für ein paar Tage in die Bundeshauptstadt. Der Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion ist „unabkömmlich“ – auch in den Ferien. Sein Büro, das Organisationszentrum der 279köpfigen Regierungsfraktion, ist immer besetzt. Nur ein einziges Mal war er vier Wochen hintereinander abwesend. Das war, als er eine vierwöchige Reserveübung bei der Bundeswehr absolvierte.

„Einer muß Stallwache halten“ – aus Rasners Mund klingt das, obwohl lächelnd gesagt, fast wie ein Satz aus einer Dienstvorschrift. Seit er im Juli 1955 als erst 35jähriger Abgeordneter die Nachfolge von Heinrich Krone als parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion antrat, gilt auch für ihn diese strenge Dienstvorschrift.

Es ist kein bequemes Amt, und nicht nur deshalb, weil es an die Arbeitskraft hohe Anforderungen stellt. Es ist ein Amt, dessen Notwendigkeit und Wichtigkeit niemand bestreitet, das aber jedermann gern einem anderen überläßt.

„Das ganze Problem ist immer eine Frage der Koordinierung der vielgestaltigen Ansichten und Interessen der Fraktionsmitglieder. Wenn es dann mit viel Geschick und Klugheit gelungen ist, eine Minderheit oder Mehrheit herumzukriegen, darf man nachher nicht mehr darüber sprechen, um keinen vor den Kopf zu stoßen.“ – So lautet Rasners dramaturgisches Rezept für die Behandlung der CDU/CSU-Mammutfraktion.

Regisseur – das war der Berufswunsch des Bremer Abiturienten Will Rasner. Aber die Akteure auf den Brettern, die die Welt bedeuten, sieht er heute nur noch vom Parkett aus. Dafür gehört er jetzt zu den gewiegtesten Regisseuren auf der politischen Bühne der Bundesrepublik.

Rasner machte sein Abitur im Frühjahr 1939. In dem Drama, das im Herbst jenes Jahres begann, spielte auch er nur eine der vielen Statistenrollen. Fünf Jahre lang war er Soldat. Als der Krieg zu Ende ging, hatte der Oberleutnant militärische, Erfahrungen auf vielen Kriegsschauplätzen gesammelt, war verheiratet, aber ohne Beruf und ohne Geld. Er mußte Arbeit finden. So bewarb er sich um den Posten eines Regieassistenten am Kieler Schauspielhaus und gleichzeitig um die Volontärstelle bei einer Flensburger Zeitung. Die Zeitung antwortete als erste – und Rasner wurde Journalist. Bald war er Ressortchef für Politik und stellvertretender Chefredakteur beim Flensburger Tageblatt.

Den Weg in die Politik ebnete ihm dann der frühere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Friedrich Wilhelm Lübke‚ ein Bruder des nächsten Bundespräsidenten und einer der profiliertesten und volkstümlichsten Politiker, die Schleswig-Holstein je besessen hat. Auch ein Freund Rasners, der jetzige Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel, kommt aus der Schule Lübkes.