London, im Juli

Eigentlich hatte die Regierung Macmillan auf eine ruhige Schlußsitzung des Unterhauses gehofft, das jetzt in die Parlamentsferien geht und möglicherweise vor den Neuwahlen nicht wieder zusammentritt. Sie hatte gehofft, der Wählerschaft den Eindruck vermitteln zu können, die Konservativen seien Herr der Situation, die Sozialisten aber ohmächtig und überdies in der Atomfrage uneins. Aber es ist anders gekommen: Im Parlament hat es in den letzten Tagen noch erbitterte Debatten gegeben, bei denen sich das Kabinett scharfen Angriffen ausgesetzt sah und völlig in die Defensive gedrängt wurde.

Zum ersten Male seit dem Burenkrieg ist die britische Politik in Afrika wieder zu einem Wahlschlager geworden. Zwei Ereignisse, die beide am 3. März dieses Jahres eintraten, haben dies bewirkt: einmal die Vorgänge im Internierungslager Hola in Kenya, wo elf Afrikaner von ihren Wärtern zu Tode geprügelt worden sind; zum anderen die Ereignisse in Njassaland, wo die Regierung am gleichen Tage den Ausnahmezustand verhängte und über zweihundert Führer der afrikanischen Nationalbewegung verhaften ließ.

Zwei Untersuchungsberichte, die letzte Woche über diese beiden Ereignisse veröffentlicht worden sind, haben die Regierung nun in eine höchst unangenehme Lage gebracht.

Der Hola-Bericht übt scharfe Kritik an den Zuständen in dem Internierungslager und hat bereits zum Rücktritt des Lagerleiters und des verantwortlichen Beamten für das Gefängniswesen in Kenya geführt. Die Gegner der Regierung wollen sich damit freilich nicht zufriedengeben: Sie möchten die Verantwortlichen unter Anklage gestellt sehen und beschuldigen das Kolonialministerium, es versuche, die ganze Affäre zu vertuschen.

Der Untersuchungsbericht über die Ereignisse in Njassaland macht der Regierung noch mehr zu schaffen, da er an den Kern der ganzen britischen Kolonialpolitik in Afrika rührt. Das Dokument faßt die Untersuchungen einer Sonderkommission zusammen, die das Kabinett im April nach Njassaland entsandt hatte. Die Kommission hat an Ort und Stelle die Behauptungen geprüft, afrikanische Führer hätten ein Komplott angezettelt, um den Gouverneur sowie weiße Frauen und Kinder zu ermorden. Auf jenes Mordkomplott hatten sich die für die Kolonialpolitik verantwortlichen Minister berufen, um die Ausrufung des Notstandes und die Inhaftierung der Afrikaner zu rechtfertigen.

Der Untersuchungskommission gehören vier Männer an: Als Vorsitzender Patrick Devlin, ein prominenter englischer Richter, ferner ein schottischer Geschäftsmann, ein Professor aus Oxford, der während des zweiten Weltkrieges lange Zeit als Abwehrchef Montgomerys fungiert hatte, und schließlich ein ehemaliger Kolonialgouverneur. Alle vier, wohlgemerkt, sind Konservative.