Wenn der Blick erst geschärft ist, findet er,was in den Kram paßt... Hier ein Plakat an den Anschlagsäulen: „Ehrung Frankreichs für Joseph Haydn“ – eine Konzertansage. Aber malt die Phantasie nicht unwillkürlich das Abbild einer schönen, vielleicht schon etwas reifen Frau, die huldvoll einem feinen alten Herrn mit Zopf einen Lorbeerkranz überreicht?

Dort eine Gedenktafel an einem Hause, in dem ein polnischer Lyriker wohnte, mit dem Zusatz: „Er hat Frankreich sehr geliebt“. Es ist also durchaus nicht erst eine Mode von heute, daß Frankreich sich so wichtig nimmt. Denn sieht man bei der Betrachtung dieser Inschrift nicht im Geiste die vorerwähnte Dame voller Charme und Herzenswärme, welche diesmal die Caprice hat, vorübergehenden Leuten zuzurufen: „Wenn Sie wüßten, welche Liebesgedichte mir dieser junge Pole damals zugesteckt hat!“

Ach, Marianne...

Nein, es geschieht nicht nur aus moderner politischer Exaltation, daß La France im Angesichte einer staunenden Umwelt vor den Spiegel tritt und ausruft: „Wie bin ich doch so schön!“ Sie hat es schon immer getan. Alle Franzosen sollten es wissen. Aber da gibt es Intellektuelle, die sich entrüsten, wenn de Gaulle die Leier schlägt, Menschen, die über ihn lachen oder sich für ihn genieren oder warnend ausrufen, dies gehe auf die Dauer nicht gut! Ich fürchte, diese Intellektuellen verhalten sich wie Leute, die einen Chor hinter dickem Glas singen sehen: bewegte Münder. Aber Töne hören sie nicht; und es ist doch ein altes, vertrautes Lied. Eins, zwei, drei, schon stimmen alle ein.

Ja, alle stimmten sie ein. Das war in Rennes, der Hauptstadt der Bretagne, wo de Gaulle erschien, um Stimmen für das Referendum zu sammeln, das ihm denn auch die Vollmacht eintrug, als Reichsverweser zu regieren. Er, der General, droben auf einem Balkon. Drunten die Massen. „Also“, rief er, „einverstanden, Rennes?“ – „Ja, ja“ – „Also“, fuhr de Gaulle fort, „einverstanden, Bretagne?“ – „Ja, ja, ja!“ scholl es mit doppelter Lautstärke zurück. Und sogar am Rundfunk konnte man hören, daß es vor allem die Bürgerinnen von Rennes waren, die am lautesten ihr „Oui, Oui, Oui“ riefen, fast schon schrill.

„Es schien mir immer“, so sagte der General, „daß zwischen dieser Provinz und mir selber ein besonders herzliches Gefühl der Freundschaft bestehe. Daher wollte ich hier, in der Hauptstadt der Bretagne, meine Rundreise beginnen.“ Ein Bekenntnis, das den Bürgern von Rennes denn auch ganz besonders zugesagt hat...

In einer Kneipe, nahe am linken Ufer der Seine, wo ich nachgerade Stammgast bin und wo ich unter meinen Copins einige habe, mit denen ich mich streite und bald darauf auch wieder aussöhne, blättert einer in einem Buche, betitelt „Le Style du General“, dessen Autor Jean-François Revel das Motto „Der Stil ist der Mensch“ auf de Gaulle anwendet: Er nimmt die Reden, die der Staats-Chef seit der Machtübernahme gehalten hat, unter die Lupe stilkritisch-psychologischer Untersuchung, zerlegt die Seele seines Helden in ihre Bestandteile, und man sieht einen hemmungslosen Romantiker, dem der Analytiker bescheinigt, er werde vor lauter großen Worten nicht mehr zu großen Taten kommen.