Mit großem Getöse läßt der Kreml an den Gestaden des mare balticum die Propagandatrommel schlagen. Ulbricht tat kürzlich sein Bestes in Rostock, und Chruschtschow selbst ließ in Polen seine Stimme erschallen. Unter der Parole „Die Ostsee – ein Friedensmeer“ wird dabei immer wieder die Bundesrepublik aggressiver, kriegerischer Absichten im Ostseeraum bezichtigt. Gleichzeitig heißt es, die Sowjetunion verfolge an den Küsten zwischen Leningrad und Lübeck nur die allerfriedlichsten Pläne.

Ein altes russisches Sprichwort sagt, ein Mann, der feindliche Absichten habe, verstecke seinen Stein unter dem Hemd. Diesen von Chruschtschow so häufig zitierten Satz sollte man bei folgender Überlegung im Sinn behalten:

Der westdeutsche Ostseestrand kann von jedermann, komme er aus Moskau, Warschau, Stockholm oder sonst woher, zu jeder Zeit frei betreten und besichtigt werden. Die sowjetische Ostseeküste (und ihr Hinterland!) zwischen Finnischem Meerbusen und Kurischem Haff hingegen ist mit Ausnahme weniger Kilometer bei Riga für jedermann, der keinen sowjetischen Paß besitzt, gesperrt. Kein ausländischer Diplomat, kein Tourist, kein Korrespondent hat von den baltischen Republiken mehr als die Umgebung der Stadt Riga sehen dürfen.

Was geht in Estland, Lettland und Litauen vor? Werden dort Wasserstoffbomben gestapelt? Revoltiert dort das Volk gegen die Moskauer Regierung? Werden dort Gerüste für den Start tödlicher Raketen gebaut? Es sollte keinen Moskauer Politiker wundern, wenn angesichts der sowjetischen Geheimniskrämerei im Westen solche Fragen gestellt werden.