Der bärtige und beredsame Premier – Gibt es eine Kommunistendrohung? – „Lang lebe die Alters Weisheit!“

Havanna, im Juli Überall in den karibischen Ländern spanischer Zunge ist es das gleiche: Die Arbeiter in den Fabriken und auf den Plantagen sowie die politisch wache Schicht des Mittelstandes – sie alle verehren Fidel Castro. Zu ihm, dem 32jährigen Führer der kubanischen Revolution, blicken sie auf; er ist ihr Heros, ihr Freund, ihr Fanal. Und das ist im Nikaragua des Diktators Somoza und auch in Trujillos autoritärer Dominikanischer Republik nicht anders als in Panama, Costa Rica und Venezuela.

Freilich trifft man auch auf manche Skepsis Castro gegenüber, und es gibt überall ein paar Leute, die meinen, Castro sei eben doch zu jung, zu ungestüm, zu impulsiv. „Er war ein brillanter Guerillaführer, gewiß“, sagen sie. „Jetzt aber soll er ein Land regieren, und dazu ist er heute kein bißchen besser gerüstet als zu jener Zeit, da er noch an der Universität Havanna Jurisprudenz studierte.“

Castro verkörpert die Zukunft

Die so denken, sind indes gering an Zahl. Millionen von Lateinamerikanern nennen Castros Revolution heute in einem Atemzug mit den Unabhängigkeitskriegen gegen Spanien, mit dem mexikanischen Bürgerkrieg – dem ersten offenen Kampf zwischen der alteingesessenen Oligarchie und dem Volke auf dem amerikanischen Kontinent – und sogar mit der russischen Revolution von 1917. Für sie und für Tausende begeisterter junger Studenten verkörpert Castro die Zukunft – eine Zukunft, in der jene Ideale verwirklicht werden, die San Martin und Simon Bolivar, die Befreier Lateinamerikas, schon vor 150 Jahren predigten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Nur wenige der Anhänger Castros, wie glühend auch immer ihr americanismo und ihre Identifizierung mit seiner Sache sein mag, sind allerdings je in Kuba gewesen. Für sie ist die Insel der Revolution nur ein Symbol. Die Frage ist denn: Wie lebt man heute in Kuba? Und: Was halten die Kubaner selbst von Castros Regiment?

Ich habe mich mit eigenen Augen davon überzeugt: Das Leben auf Kuba geht ziemlich normal seinen Gang. Gegenseitige Zeitungsmeldungen täuschen – wie ja überhaupt die Auslandspresse in ihrer Berichterstattung über Ibero-Amerika – mit den ewigen Meldungen von Revolutionen, Umstürzen und Kommunisten-Klüngelei – allzu leicht die andere Seite der Medaille in Vergessenheit geraten läßt: die festgefügte lateinisch-katholische Ordnung, die nun einmal das Leben der meisten Menschen beherrscht.