In Lausanne, an den Gestaden des Genfer Sees, hat der internationale Nestle-Konzern vor etwa zwei Jahren eine Ausbildungsstätte eigener Art geschaffen: eine Schule für werdende „Manager“; sie ist weder mit den in Europa üblichen Colleges und Universitäten noch mit den bestehenden Fachinstituten mit ähnlicher Zielsetzung – es sind ohnehin sehr wenige – zu vergleichen. Das IMEDE – Institut pour l’Etude des Methodes de Direction de l’Entreprise – hat engen Kontakt zur Harvard Business School, als deren europäischer Ableger es mit Fug und Recht angesehen werden darf.

Ausgehend von eigenen Bedürfnissen, hat die Nestle-Alimentana AG mit, ihrem Institut IMEDE eine Lehrstätte aufgebaut, die ganz auf die praktischen Zwecke der höheren Betriebsführung ausgerichtet ist. Der Nestle-Konzern ist als eines der größten Unternehmungen auf dem Gebiet der Nahrungsmittelindustrie in 70 Ländern der freien Welt tätig; entsprechend hoch sind die Anforderungen, die an das Management gestellt werden. Das Institut ist daher mehr als eine reine Branchen- oder gar Firmen-Bildungsstätte. Durch die übernationale Ausrichtung wird dem späteren Unternehmer einiges gute Handwerkszeug in die Hand gegeben, das ihm die Orientierung auf den Märkten erleichtert.

Der Unterricht im Institut erfolgt nach den bewährten Grundsätzen der amerikanischen Business Schools, die in den Vereinigten Staaten schon seit Jahrzehnten den Führungsnachwuchs für die Wirtschaft stellen und die vor allem auch das bei uns angestrebte Leitbild des Unternehmers entscheidend mitgeformt haben. Der Lehrkörper des IMEDE setzt sich nahezu ausschließlich aus bekannten – gegenwärtig sind es sieben – amerikanischen Professoren zusammen.

Für Europa neu – abgesehen von dem Gebiet der angewandten Wissenschaften – ist die sogenannte „Fall-Methode“ (case method). Die Lehrgangsteilnehmer erhalten einen „Fall“ – das ist jeweils ein konkretes Firmen-Problem mit eingehenden Daten – ausgehändigt, der zunächst von jedem einzelnen zu analysieren, dann in Gruppen zu diskutieren und schließlich im Plenum einer Lösung zuzuführen ist. Die Professoren übernehmen dabei – gestützt auf ihre wissenschaftlichen und praktischen Erfahrungen auf dem Gebiet der Unternehmensführung – lediglich die Rolle von Diskussionsleitern. Vorlesungen gibt es im IMEDE kaum. Auf diese Weise wird den Studierenden eine Fülle von praktischem Wissen vermittelt; vor allem aber werden sie darin geschult, einen Sachverhalt zu analysieren und eine Entscheidung zu fällen.

Die „Fälle“ stammen sämtlich aus der wirtschaftlichen Wirklichkeit. Zum Startkapital des IMEDE gehörte eine beachtliche „Fall-Sammlung“ der Harvard Business School. Inzwischen hat das Institut, das sich auch auf dem Gebiet der Forschung betätigt, seinerseits bereits 250 Geschäftsvorfälle aus fast allen Ländern Europas erfaßt. Keiner dieser Fälle reicht weiter zurück als bis zum Jahre 1950. Es wird streng darauf geachtet, daß die Diskussionsgrundlagen up to date bleiben. So wird bereits das Volksaktien-Experiment der Preußag zu einem „Fall“ zurechtgemodelt.

Der reichhaltige Lehrplan läßt sich in drei große Fachgebiete aufgliedern: 1. Fragen der Finanzierung und Geschäftsüberwachung; 2. Marketing – Fragen des Verkaufs in weitestem Sinne; und 3. Produktion und Planung.

Der Bogen ist bewußt weit gespannt, damit die Studierenden, die in der Regel als Spezialisten zum IMEDE kommen, diese Beengung des Denkens überwinden und nach Abschluß des Studiums wirklich mit allen Fragen der praktischen Unternehmensführung vertraut sind. Der Lehrstoff entspricht dem Middle Management Program der amerikanischen Business Schools. Schon daraus geht hervor, wer als Teilnehmer überhaupt in Frage kommt. Das Durchschnittsalter der Studenten liegt bei 35 Jahren. Neben einer vorangegangenen akademischen Ausbildung ist eine gründliche praktische Erfahrung – von 5 bis 15 Jahren – in einem Unternehmen eine ebenso unabdingbare Voraussetzung wie die perfekte Kenntnis der englischen Sprache.