XV. Wie leben die Franzosen unter General de Gaulle – Ein Pariser Tagebuch

Von Josef Müller-Marein

Ich versuchte, aus der Menge der Abgeordneten den Narren herauszufinden, der es gewagt hatte, Tannenduft schöner zu finden als Petroleumgestank, und Sonnenkringel zwischen mächtigen Buchen anmutiger als Ölflecken. Ich malte mir aus, daß er nicht etwa nur deshalb gegen die öligen Bodenschätze in den geliebten Forsten, in denen schon die Könige jagten, protestiert und nur deshalb vom Gestank gesprochen hatte, weil er etwa nur stänkern wollte. Ich hoffte, er habe in seiner Anfrage Paul Valéry zitiert: „Ich habe mein Bestes getan, um zu zeigen, wie sehr das moderne Leben, oft unter verführerischem Schein, eine wirkliche Krankheit ist!“ Oder Georges Duhamel: „Ich habe den ungeheuren Dampfkessel auf seinem Thron genau betrachtet, und ich erkläre Ihnen: Nicht in diesem Ding liegt die Zivilisation, nicht einmal in den blitzenden Pinzetten, die der Chirurg benutzt. Die Zivilisation ist in all diesem gräßlichen Krempel nicht zu finden, und wenn sie nicht im Menschenherzen wohnt, nun, dann wohnt sie nirgends!“ – Möglich, daß der Herr Abgeordnete im Palais Bourbon dies alles angeführt hat! Auf dem Gesicht des Herrn Staatssekretärs war nichts davon zu lesen.

Des Ministers Rekord

Da hat mir der Ressortminister Pierre Sudreau schon besser gefallen, der eine Frage nach dem neuesten Stand des Wohnungsbaues beantwortete. Er wandte sich dabei häufig der äußersten linken Seite des Hauses zu. Und es war aus seinem Stirnrunzeln ersichtlich, daß dort ein gewisser Abgeordneter der Kommunisten zu finden sei, der listig in die Form der Anfrage die Kritik gekleidet hatte, es geschähe nicht genug für die armen kleinen Leute, die kein Dach überm Kopf hätten.

Da kam er aber schlecht an. Denn der Minister holte Luft und deckte ihn mit Zahlen zu, die erkennen ließen, daß eine Regierung, wenn sie durch das Parlament nicht allzusehr gestört wird, mit Leistungen aufwarten kann: Das Jahr 1959 bricht alle bisherigen Rekorde, weil allein mit staatlichen Mitteln hunderttausend billige Wohnungen gebaut werden. Dies konnte geschehen, weil die Kosten leidlich stabil blieben. Früher mußte man Jahr für Jahr mit einer Verteuerung von zwölf bis fünfzehn Prozent rechnen; diesmal stiegen die Preise im Baugewerbe nur um ein bis zwei Prozent. Nun gibt es noch staatlich unterstützte Baugesellschaften: die vollenden einhundertfünfzigtausend Wohnungen im Jahre 1959. Und Privatleute bauen auch: sechzigtausend Wohnungen. Summa summarum: dreihundertzehntausend neue Wohnungen Anno 1959.

Es soll aber nicht verschwiegen werden, daß die Mitglieder des Parlaments sich nicht sehr beeindruckt zeigten. Sie warfen einen Blick auf die Journalistenplätze, wo die Kugelschreiber und Bleistifte fleißig über Papier rasten, so daß die Herren Abgeordneten sicher sein konnten, die Zahlen am anderen Tage in den Zeitungen wiederzufinden. Dies schien ihnen vollauf zu genügen. Und so konnte man denn erleben, wie im Palais Bourbon ein Stück à la Haydns „Abschiedssymphonie“ aufgeführt wurde: Einer nach dem anderen packte seine Sachen und schlich davon, so daß schließlich nur noch ein paar erste und zweite Geigen übrigblieben und natürlich der Herr Minister als Dirigent, der, als er bei der letzten Zahl angekommen war und nun den Blick hob, die Arme sinken ließ ...