Von Martin Beheim-Schwarzbach

Die drei „grand old men“ der abendländischen Literatur – George Bernard Shaw, Thomas Mann und Knut Hamsun – die mit ihrem Alter wie mit ihrer Schaffenskraft ein Höchstmaß geistigen Schöpfertums verkörperten, sind dahin; von ihnen der älteste, Hamsun, erst seit sieben Jahren, nachdem er ein Alter von 93 erreicht hatte. Er wurde vor jetzt hundert Jahren, am 4. August 1859, geboren.

Es ist ein müßiges Unternehmen, abwägen zu wollen, welcher von diesen Riesen des Werkes und des Lebensalters das bedeutendste Oeuvre hinterlassen habe. Aber es ist gleichzeitig auch erfreulich und trostreich, sich Gedanken darüber zu machen, wie es denn stets erfreulich und trostreich ist, aus einer Fülle greifen, mit einem Überfluß umgehen zu dürfen. Wie oft ist doch, seit und auch schon vor Spengler, das europäische Geistesleben totgesagt worden, und wahrlich, es sind etliche Argumente vorhanden, es für tot oder auch, noch schlimmer, für kaum noch zurechnungsfähig zu halten, es zu entmündigen.

Es finden sich immer neue smarte Weise, die es bald unter die Vormundschaft des marxistischen Materialismus, bald eines fernöstlichen Mystizismus stellen wollen, um nur die zwei Hauptanwärter auf dieses Testamentsvollstreckungsamt zu nennen – und dies sind nicht einmal die einzigen, die schon ungeduldig mit den Füßen stampfen, um den klapprigen Karren der Menschheitsgeschichte zu übernehmen.

Wenn man dagegen Werke wie die von Shaw, Mann oder Hamsun in die Debatte werfen darf, fühlt man sich im Rücken schon recht angenehm gestärkt. Von diesen Giganten ist der, dessen Geburtstag sich jetzt zum hundertsten Male jährt, wahrscheinlich der zornigste und mit seiner Zeit am heftigsten zerstrittene, obwohl (oder weil?) gerade er, der Norweger Knut Hamsun, der reinste Künstlertyp, der ausschließlichste Dichter unter ihnen ist, derjenige, der sich am wenigsten mit Polemik und am meisten mit dem „bloß“ Gestalteten abgegeben hat. Was er an Polemik leistet, ist völlig in die Figuren der Romane hineingelegt und mit ihren Charakteren verschmolz, zen, die dennoch Menschen bleiben, ohne zu polemisierenden Marionetten zu werden. Dies ist in unserer Zeit, in unserem Geistesleben, das doch sonst nur noch eine einzige Debatte geworden zu sein scheint, ein seltenes Phänomen.

Vor allem nimmt Hamsuns Künstlertum unter den genannten Großen, aber nicht nur unter ihnen, sondern in der ganzen Weltliteratur überhaupt, durch ein besonderes Merkmal einen einzigartigen Rang ein. In jedem seiner Werke walten Leben und Natur in vollkommen echter, ungeschminkter Spiegelung, und doch kann jeder, auch der Ungebildete, jede Figur, jede Handlungssträhne, jedes Kapitel ohne die leiseste Mühewaltung und geistige Anstrengung verstehen. Es bedarf da keiner Übersetzung.

Diese Feststellung scheint einen Widerspruch zu enthalten. Das einfache und ungeschminkt Lebenswahre und Natürliche, das, sollte man meinen, ist doch wohl das schlechthin Leichtfaßliche, zu dessen Verständnis es keiner Bildung bedarf? Weit gefehlt. Die Dichtung pflegt das Natürliche wie das Geistige in ein Konzentrat zu übertragen, welches „interessant“ ist; das ist ihr Amt. Vollzieht sie dies nicht, so bleibt das Geistige beim Argument und das Natürliche bei der Photographie und landet, kommt es zu keiner Verschmelzung in der Gestaltung, hier im Kitsch und dort im Palaver. Die gelungene Verschmelzung, die Kunst also, bedarf dann aber in der Regel feiner und kluger Aufnahmeorgane, um sie zu begreifen und zu genießen – daher das Verständnis für echte Kunst nur den Kennern vorbehalten zu bleiben pflegt.