Erfahrung beim Jugend-Festival an der Donau: Schweigen ist ein schlechtes Argument

Von Hans Gresmann

Wien, Anfang August

Steilauf ragte die goldene Rakete und warf einen gespenstischen Schatten auf die Rückwand der Bühne in der Wiener Stadthalle. Der Schweif, den diese Rakete nach sich zog, war aus leuchtend rotem Tuch und bildete die Kulisse, vor der drei Stunden lang ein sehr wirkungsvolles Spektakel russischer Kulturleistungen geboten wurde. Die riesige Halle war bis zur letzten Reihe gefüllt, die Begeisterung der Zuschauer mündete in dröhnenden Beifall, der langsam in ein rhythmisches Klatschen überging – begleitet von der Standard-Phrase dieser Wiener Weltjugendfestspiele: „Friede, Freundschaft ...“

Tags zuvor war die Stadthalle gleichfalls bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen. Doch nicht ein großes Ensemble, sondern eine einzige Sängerin hatte da nicht minder starken Beifall aus dem Publikum herausgelockt: Ella Fitzgerald, in der ganzen Welt bekannt als „Königin des Jazz“. Nun war es jedoch keineswegs so, daß sie sich etwa auch vor den Propagandawagen der kommunistischen Veranstalter dieser Weltjugendfestspiele hatte spannen lassen – sie sang sozusagen für die andere Seite. Der Ring politischer Jugend, eine sehr aktive österreichische Organisation, hatte alles darangesetzt, dem ansehnlichen „Kulturprogramm“ der Kommunisten eine Reihe von effektvollen Veranstaltungen entgegenzusetzen.

So bot sich hier in Österreichs Hauptstadt das Schauspiel eines imposanten Kampfes der Worte und Gesänge, eine Auseinandersetzung zwischen Ost und West, die nicht nur auf die offiziellen Festivalveranstaltungen beschränkt blieb. Im Gegenteil, wären diese offiziellen Veranstaltungen der einzige Schauplatz der Scharmützel zwischen beiden Seiten geblieben – es wäre schlecht um unsere Position bestellt gewesen. So aber, da die österreichischen Jugendorganisationen ein im großen und ganzen zwar improvisiertes, aber doch recht effektvolles Gegenprogramm aufgezogen hatten, gelang es zumindest, einen Teil der aus angeblich mehr als hundert Nationen stammenden Festivaldelegierten mit Darbietungen zu erreichen, die nicht durchtränkt waren von kommunistischer Propaganda.

„Verschenkter Sieg“

Wirklich, was sich während dieser zehn Tage in Wien ereignete, da dort die VII. Weltfestspiele der Jugend und Studenten stattfanden, war nichts anderes als ein Musterfall für die große Auseinandersetzung zwischen Ost und West. Es ist eine Auseinandersetzung, bei der es nicht zuletzt um die Frage geht, welchem von diesen beiden Blöcken es gelingen mag, die asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Staaten für sich zu gewinnen – oder es jedenfalls zu verhindern, daß sie in das gegnerische Lager einschwenken.

Und da ist es nun allerdings der Augenblick zu sagen, daß das Wiener Weltjugendfestival für den Westen wenn nicht gerade eine Schlappe, so doch gewiß „ein verschenkter Sieg“ war. Seit Monaten hatte man auf unserer Seite des Eisernen Vorhangs – auch in der Bundesrepublik – mit langem Atem um die Frage gestritten, ob es richtig sei, sich offiziell zu beteiligen oder nicht. Und immer wieder hatte es dabei geheißen: Da doch alles dafür spricht, daß dieses große Jugendtreffen unter kommunistischem Vorzeichen und unter kommunistischer Regie stattfindet, ist es völlig sinnlos, offizielle Delegationen der Jugendverbände zu schicken. Ein Boykott, so wurde erklärt, sei das einzig richtige.

Tagelang habe ich in den Quartieren der verschiedenen Delegationen mit Dutzenden von Festivalteilnehmern aller Rassen, aller Auffassungen und aller Intelligenzstufen gesprochen. Und sollte ich die Eindrücke, die ich dabei gewonnen habe, auf eine Formel bringen, so könnte sie nur lauten: Von allen Mitteln, die der Westen in der großen Auseinandersetzung mit dem Osten anwenden kann, ist ein Boykott gewiß das allerfalscheste. Denn weder mit einem Boykott noch mit simplen Propagandasprüchen – als da etwa sind: „Hammer und Sichel ist gleich Hakenkreuz“ oder „Tibet ist nicht vergessen“ – kann man zur Stunde noch etwas erreichen. Es bedarf schon sorgfältiger und klügerer Gegenaktionen, um den Erfolg, den die kommunistischen Veranstalter mit diesen Weltjugendfestspielen für sich buchen können, vom Westen her zu neutralisieren.

So ist es zum Beispiel ein recht klägliches Schauspiel, wenn man im Künstlerhaus, dem Hauptquartier der westlichen Antigruppen, erleben muß, wie sich etwa die aus der Bundesrepublik als Beobachter nach Wien geschickten Vertreter der Jungen Union und der Jungsozialisten untereinander zerstreiten, anstatt sich gemeinsam zu überlegen, was man in diesem Augenblick und an diesem Ort als Abgesandte freier Jugendorganisationen – mögen sie auch sehr verschiedener Couleur sein – tun könnte.

Ein Wort noch ist nötig zu diesem Streit, da unsere Zeitung darin leider eine Rolle spielt. Mein Kollege Rolf Zundel hatte vor einiger Zeit in Hamburg-Wilhelmsburg eine Parteiversammlung besucht, in der Herbert Wehner sprach. Sein Bericht war damals überaus kritisch und wohl auch ein wenig spöttisch. Doch hätten wir gewußt, daß die Junge Union so taktlos, so schlecht beraten und politisch so kurzsichtig sein würde, diesen Artikel in einer Zeitschrift abzudrucken, die hier in Wien an Festivalbesucher verteilt wurde – wir hätten gewiß heftig protestiert.

So aber kam es nur zu einem nachträglichen Protest der Jungsozialisten und zu einer Entscheidung, die die Kommunisten getrost auf die Erfolgsliste des Festivals setzen können: wegen dieses Wiener Rencontres wollen die Jungsozialisten in der Bundesrepublik bis auf weiteres ihre Mitarbeit im Ring politischer Jugend ruhen lassen. Der Beschluß mag übereilt sein, doch kann ich ihn verstehen – während mir für die Handlungsweise der Jungen Union alles Verständnis fehlt.

Zwei kleine, gut organisierte und gut vorbereitete westliche Gruppen haben in Wien ein Beispiel dafür geliefert, was man in der Begegnung mit Abgesandten aus den Ostblockstaaten oder den afrikanischen und asiatischen Staaten erreichen kann. Es waren dies die zwanzigköpfige Delegation des Liberalen Studentenbundes Deutschland, der sich als einzige westdeutsche Jugendorganisation offiziell an dem Festival beteiligt hat. Und es war dies ferner der Wiener „Johannsklub“, der rund 80 seiner Mitglieder schon seit Monaten für das Festival präpariert hat und jetzt – wohl gerüstet – zehn Tage lang in alle Veranstaltungen ausschwärmen ließ.

Grober Pinsel, grelle Farben

Das Ergebnis: jene Hundertschaft hat unendlich viel mehr erreicht als alle die Störaktionen und Spruchbandunternehmen, die allenthalben als Nadelstichattacken gegen das Festival gerichtet waren. Diese hundert jungen Menschen haben nämlich von den rund 15 000 Festivalteilnehmern sicher jeden zehnten irgendwann und irgendwo einmal gesprochen und dabei doch zum mindesten erreicht, daß das östliche Propagandabild, das mit grobem Pinsel und in grellen Farben für die Festivalteilnehmer gezeichnet wurde, an manchen Stellen verblaßte.

Die VII. Weltjugendfestspiele sind jetzt zu Ende, und es bleibt zu sagen: Wien war für den Westen eine ungute Erfahrung und zugleich eine sehr deutliche Warnung. Wie viele Male bin ich von jungen Afrikanern oder Asiaten gefragt worden, warum sie denn hier – und zwar während der offiziellen Veranstaltungen – und nicht in den zahlreichen Anti-Informationsstellen, nicht die Möglichkeit hätten, mit jungen Menschen aus dem Westen zu sprechen!

Es ist eben nicht damit getan, nur Beobachtergruppen zu entsenden. Und wenn man auch hoffen darf, daß sich bei den nächsten Jugendfestspielen – wo immer sie stattfinden mögen – Jungsozialisten und Mitglieder der Jungen Union nicht wieder zerstreiten wie in Wien, so steht doch dies fest: sie werden – wie alle anderen westlichen Jugendorganisationen – nur dann etwas erreichen können, wenn sie offizielle Delegationen schicken. Das heißt, wenn sie von drinnen wirken – und nicht von draußen vor der Tür...

Was hätten hier in Wien 300 oder 400 gut ausgewählte und gut vorbereitete westliche Delegierte alles erreichen können! So viele der Besucher aus den asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Ländern, aber auch aus Polen oder etwa der Tschechoslowakei, waren bereit zu diskutieren, waren bereit, die Argumente des Westens zu hören – doch leider waren es nur wenige Dutzend westliche Teilnehmer, die bereit und fähig waren, diese Argumente zu vertreten. Wenige Dutzend nur und Tausende von offenen Ohren ...

Bei diesem Festival, gab es manche Randerscheinungen, die gute Stories und Schlagzeilen geliefert haben. Nicht natürlich für die Wiener Zeitungen, die durch ihren Beschluß, nichts über die Veranstaltungen zu veröffentlichen, kein sehr wirkungsvolles Beispiel westlicher Pressefreiheit gaben. Stories und Überschriften – von Prügeleien, von Zwischenfällen und Provokationen. Loch all das lag am Rande und darf in seiner Bedeutung nicht überschätzt werden.

Warum keine Kontakt-Offensive?

Dies war keine Schlacht der Fäuste, sondern eine Schlacht der Ideen. Und da lautet eben das Fizit, mag es noch so abstrakt klingen und mag es auch eine ganz schlechte Story sein: Der Wesen – genauer: die Jugendgruppen in der freien Welt – hat eben nicht genug Ideen gehabt. Statt in Wien eine präzis und geschickt geplante Kontaktoffensive zu beginnen und darauf zu vertrauen, daß eine gute Sache auch gute Argumente liefert, hat er sich abseits gestellt und den Russen allenthalben den Propagandavortritt gelassen.

Wien als eine Lehre? Hoffentlich. Ich denke, es könnte diese Parole ein gutes Programm andeuten: Kontaktoffensive!