Die besten Filme dieses Sommers sind die alten. Wiederaufführungen, wie „Ein Amerikaner in Paris“, „Das Haus der Lady Alquist“, „Das Wirtshaus im Spessart“, „Arsen und Spitzenhäubchen“, „Ladykillers“ und „Lohn der Angst“ ziehen die Besucher an. Es sind, wie man sieht, ziemlich viele Thriller darunter. Dagegen haben es neue Thriller, wie der dritte Film des talentierten Franz Peter Wirth, dessen „Helden“ nach Shaw noch immer viel Erfolg hat, nicht leicht.

Bei dem Film „Menschen im Netz“ (Passage-Theater, Hamburg, Filmaufbau/Bavaria), der nach amerikanischer Vorlage gemacht ist und auch der Härte der Amerikaner nachzukommen sucht, ist es ratsam, zu ignorieren, daß seine Geschichte von den Menschen, die diesseits des Eisernen Vorhangs in ein Spionagenetz geraten, weil sie jenseits helfen wollen, nur oberflächlich behandelt wird. Man merkt dem Film an, daß er nach einer Illustrierten-Reportage (von Will Tremper) und einem Kolportageroman (von Erich Kern, alias Kernmayer) zusammengebastelt wurde, wobei der vielbeschäftigte Heinz Reinecke sehr hilfreich unterstützt wurde durch die effektvolle Musik Hans Martin Majewskis.

Der Regisseur Wirth machte also daraus den hartgesottenen Thriller, dem zwar die Logik und der raffinierte Bluff des „klassischen“ Kriminalfilms fehlt, dessen Rezept aber – frei nach Hitchcock – die „Lust an der Angst“ und „Entspannung durch Spannung“ heißt; ja, frei nach dem Beispiel französischer Regisseure wie Clouzot wird die Brutalität bis zum Äußersten getrieben. Zwar siegt zum Schluß immer noch das Gute über das Böse – aber das Ganze ist barbarisch und leer. Sollte man das Geheimdienst-Dunkel des gespaltenen Deutschlands wirklich zur finsteren Maschinenpistolen-Geschichte machen? Johanna von Koczian, als Mithelferin östlicher Agenten, die ihren Mann durch ihre Arbeit aus einem sowjetzonalen Gefängnis holen will, und Hansjörg Felmy als eben dieser Mann, der drüben unschuldig verurteilt wurde, waren in den glatten Klischees ihrer Rollen gefangen, Paul Verhoeven ein dämonisches Denkmal eines bösen grobschlächtigen Ostagenten. Nur Hannes Messemer war ein richtiger Mensch (ein schillernder Westagent), und Alexander Hunzinger paradierte in einer kurzen prägnanten Szene als Portier einer schäbigen Pension.

*

Auch alte, angesehene Meister wie Marcel Carne und Julien Duvivier, deren bedeutende Werke schon in die Filmgeschichte eingingen, haben es mit ihren neuen Arbeiten schwer. Von Marcel Carné wird in der Bundesrepublik der sehr erfolgreiche Film „... die sich selbst betrügen“ (Les Tricheurs, „Die Barke“, Hamburg, Gloria) gezeigt, über den Josef Müller-Marein in seinem „Pariser Tagebuch“ berichtet hat, daß die Pariser Studenten sich in diesen Bildern nicht wiedererkennen (ZEIT Nr. 26). Wie sollten sie auch, da hier eine kleine zynische Gruppe von „Halbgesalzenen“ gezeigt wird, jungen Menschen, die boshaft verachtungsvoll gegenüber der „Lüge“ der Zivilisation ihre Triebe ausleben und in einem Adelspalast Orgien feiern? Es gibt so wenig Adelspaläste. Der Film ist von gestern in dem Versuch, die Wände sozialer Unterschiede einzureißen, die diese Jugend angeblich quälen. Er wirkt in seinem sentimentalen Ende – ebenfalls mit Effekten eines Thrillers (Verfolgungsjagd) – sogar ein wenig hilflos. Aber die große technische Meisterschaft dieser Bilderfolge und die Leidenschaftlichkeit, mit der die jungen Spieler diese kleinen Ungeheuer darstellen, fasziniert. Sehr viele schockierende Worte, die frisch über ihre Lippen kommen, weil sie ja so völlig ungehemmt sein müssen, würden den meisten Erwachsenen nicht so leicht gelingen. Mag sein, daß viele von ihnen nach diesem Kinobesuch junge Menschen mit ganz anderen Augen sehen werden. Arme Jugend...

*

Von Duvivier kam jetzt ein Film zu uns, der die Kinobesucher mit magischer Gewalt in die düsteren Auseinandersetzungen von zehn französischen Widerstandskämpfern zieht: „Deckname Marie Octobre“ (Streit’s Filmtheater, Hamburg, Europa). Formell hat dieses Bravourstück spannender Unterhaltung, zufällig oder nicht, große Ähnlichkeit mit den „Zwölf Geschworenen“. Diese zehn Widerstandskämpfer treffen sich lange nach dem Kriege, als sie alle wieder im Leben stehen und erfolgreich sind, in dem alten Landhaus eines der früheren Mitglieder, das ihnen früher für ihre Konspirationen zur Verfügung stand. Wie Duvivier hier die Figuren in einem Raum bewegt, zueinanderführt, einander fliehen läßt und wieder neu gruppiert, das läßt die Atmosphäre vor Spannung knistern. Und doch erreicht die Kunst, mit der hier analysiert und psychologisiert wird, nicht das Niveau eines künstlerischen Films. Das aber liegt am Aufriß der Handlung...