Es ist immer wieder erstaunlich, zu sehen, wie wenig in der nun wieder aufgelebten Diskussion über das Kohlenproblem auf grundsätzliche Einsichten zurückgegriffen wird, die schon früher gewonnen worden waren. So wird zwar überall zitiert, was Generaldirektor Burckhardt, der Sprecher des Zechenverbandes, kürzlich über "die Wahrung des Besitzstandes der Steinkohle" gesagt hat – wobei er die Zahl von 125 Mill. t nannte, die zu vergleichen ist mit einer Fördermenge, die in den letzten Jahren zwischen 130 und 135 Mill. t lag. Aber eine andere und im Grundsätzlichen sehr viel interessantere Äußerung des führenden Mannes im Unternehmensverband Ruhrkohlenbergbau scheint völlig in Vergessenheit geraten zu sein. Sie lautet:

"Wenn man die Kohleneinfuhr aus dritten Ländern nicht künstlich stabilisiert, besteht durchaus die Möglichkeit, in Zeiten einer geringeren Kohlennachfrage in einen echten preislichen Wettbewerb mit der US-Kohle zu treten. Durchweg ist es der heimischen Kohle möglich, dann ihren Absatz – zum Beispiel in den umstrittenen Gebieten der Montan-Union-Länder und in dritten Ländern – auszuweiten."

So also Generaldirektor Burckhardt in einem Interview, das er im Herbst 1957 dieser Zeitung gegeben hat. Was damals richtig war, kann heute schwerlich falsch sein. Es besteht um so mehr Anlaß, sich jetzt erneut mit der Frage einer (marktgerechten) flexiblen Kohlenpreispolitik zu befassen, als ja Bundeskanzler Adenauer vor wenigen Tagen den "konstruktiven Vorschlag" einer Kohlenpreissenkung gemacht hat, die nach seinen Ideen etwa 20 DM je t ausmachen soll, gegenüber einem Durchschnittspreis von rund 90 DM je Tonne heute. Damit käme die deutsche Kohle etwa aif Preisparität zur US-Importkohle, einigermaßen normale Verschiffungskosten für diese vorausgesetzt. Und wir würden bei einer solchen Preispolitik genau das tun, was uns – auch diese Äußerung wird merkwürdigerweise kaum je zitiert – von der höchsten europäischen Instanz in Energiefragen empfohlen worden ist: nämlich von dem "Gemischten Ausschuß zur Koordinierung der Energiepolitik in den sechs Montan-Union-Ländern", der sich aus den Sachverständigen der beteiligten Regierungen und der drei Europa-Gremien (Montan-Union, EWG-Kommission und Euratom-Kommission) zusammensetzt.

Nach deren Votum hätten allgemeingültige Grundsätze für die Preisbildung aller Energieträger zu gelten: bei freiem und also nicht (durch Monopole, Abgaben oder auch Subventionen) verfälschtem Wettbewerb, der dem Verbraucher die Möglichkeit gibt, die für ihn wirtschaftlichste Energieform zu wählen. Der Bericht kommt, unter Anwendung der Grenzkostentheorie, zu dem Ergebnis, daß die Kohlenpreise innerhalb der Montan-Union etwa dem Preis für amerikanische Kohle im Importhafen entsprechen sollten, wobei vorausgesetzt wird, daß es zu einer Überteuerung dieser Kohle wegen des Erdöl- und Erdgaswettbewerbs im eigenen Land (also in den USA) niemals kommen werde.

Bei einem solchen Preisstand ist, nach dem Bericht, auf die Dauer keine Ausdehnung der Kohlenförderung in den Montan-Union-Ländern über den im Jahre 1955 erreichten Stand von 250 Millionen Tonnen zu gewärtigen. Der erhebliche Zuwachs des Energieverbrauchs, den der Bericht auf jährlich 2,8 v. H. schätzt – was einer Verdoppelung innerhalb von knapp 20 Jahren entspricht – wäre also zunächst preisgünstig aus dem sich schnell verstärkenden Angebot von Erdöl und Erdgas zu decken – die neuerschlossenen Vorkommen in der Sahara und in Libyen werden dabei wohl eine erhebliche Rolle spielen – und später vermutlich durch die Atomenergie.

Gegen die Kohlenpreisidee des Bundeskanzlers ist freilich alsbald eingewandt worden, daß sie "unrealistisch" sei: eine Preissenkung wäre eben "politisch nicht durchsetzbar". Nun – man wird insoweit die Probe aufs Exempel abwarten müssen. Wirtschaftlich betrachtet wäre eine Preissenkung durchaus "drin": dann nämlich, wenn der Bergbau mit allem Nachdruck an die Stillegung solcher Betriebsteile und Teilbetriebe herangeht, die mit überdurchschnittlichen Kosten belastet sind – indem er also, marktwirtschaftlich verfahrend, die Förderung auf die kostengünstigen Abbaustellen konzentriert, und die Fördermengen den Absatzmöglichkeiten anpaßt, die sich bei einer Orientierung an dem Preis des hauptsächlichen Wettbewerbsproduktes – und das ist die US-Kohle – ergeben. Die von Schmalenbach einmal für die Agrarwirtschaft formulierte Sentenz, wonach "der Preis dafür bestimmend ist, zu welchen Kosten jeweils noch produziert werden kann", gilt eben für alle Zweige der Urproduktion, oder überhaupt für alle Wirtschaftsbereiche, in denen es noch so etwas wie Weltmarktpreise gibt.

Es erübrigt sich fast, hier noch hinzuzufügen, daß eine solche Preispolitik – zumal dann, wenn sie flexibel bleibt, also in Zeiten wachsender Nachfrage auch "konjunkturbedingte" Preiserhöhungen zuläßt! – den Erfordernissen der Kohlenverbraucher am besten entspricht. Sie belastet den "Nur-Hausbrand-Konsumenten" möglichst wenig, und sie sichert für die energieverbrauchenden Unternehmen einigermaßen reguläre. Wettbewerbsbedinan den in anderen Industrieländern erreichten energiewirtschaftlichen Status herzustellen.