Sudermann war beim Film schon immer beliebt, besonders als die „Blut und Boden“-Bilder erwünscht waren: „Johannisfeuer“, „Der Katzensteg“, „Heimat“, „Die Reise nach Tilsit“ hatten schon den Stoff zu Filmversionen geliefert. Jetzt ist „Jons und Erdme“ ausgegraben worden, eine weitere Geschichte aus den „Litauischen Geschichten“. Vom „Blut und Boden“-Stil und vom Heimatfilmgenre weiß sich die neue Verfilmung klug fernzuhalten. Aber obwohl Namen wie Tilsit und Heydekrug fallen, ist das, was man an Sudermann bis heute schätzt, in dem Film nicht vorhanden: die Stärke des Milieus in seinen Erzählungen, die eindrucksvolle Schilderung jener Landschaft an Ostpreußens Grenze nach Litauen herüber. Die Schauspieler können das Idiom der Sprache nicht einmal andeuten, und die Bilder wurden bei Warschau (durch freundliche Unterstützung der Polen) aufgenommen. Manche Kinobesucher wird das enttäuschen.

Die Atmosphäre ist dennoch sehr dicht am Anfang, dank der Bilder des schwedischen Kameramannes Göran Strindberg. Die Bildsprache herrscht über das Wort und hat etwas Zwingendes, Bedrängendes. So episch, geheimnisvoll, untermalt von den Rufen der Unken und dem Knarren eines klapprigen Karrens beginnen Filme des eigenwilligen schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman. Aber es ist kein Bergman-Film, der Regisseur heißt Victor Vicas, ist ein in Rußland geborener Amerikaner, der in Paris lebt, und hat sich schon eigene Meriten erworben durch Filme wie „Weg ohne Umkehr“, der im geteilten Berlin spielte und den Bundesfilmpreis erhielt.

Das Moor spielt eine entscheidende Rolle. Aber obwohl es dramatisiert worden ist durch eine Überschwemmung und filmgemäße Schauderszenen, in denen Menschen im Schlamm versinken, wird nur zahm und gefällig angedeutet, was die Gewalt des Wassers und was Schlamm ist. Eine große Szene, die Sudermann voll Ironie beschreibt und die den Film in die Nähe von de Sicas Kunstwerk „Das Wunder von Mailand“ hätte bringen können, hat der Regisseur nicht gedreht: Wie die Kleiderspenden für die Obdachlosen im Moor ankommen und diese „Hinterwäldler“ sich gierig raufen um die abgelegte Ballgarderobe der Städter, Jacken mit Mottenlöchern, zersplißtes Pelzwerk, vertanzte Ballkleider und vertretene Lackschuhe. Wie sich die Moorleute die Flitterfetzen überwerfen, die auf eleganten Wohltätigkeitsfesten in den großen Städten zusammenkamen, wie sie sich beim Nachhauseweg im Wasser der Gräben spiegeln und den Tand für den Inbegriff aller irdischen Pracht halten. „Wer sein Lebtag mit schmutzigen Lumpen behängt den schwarzen Erdschlamm knetet, wird es sich nicht nehmen lassen, des Abglanzes fernher leuchtender Paradiese teilhaftig zu werden“, notierte Sudermann. Der Film übersah es. Was er sonst noch von der Arbeit, dem Aufbau, dem Fortschrittsglauben, dem materiellen Erfolg der Moorleute und ihrer hoffnungslosen Suche nach Glück und Wärme erzählt im eiligen Überschlagen der Jahrzehnte, bleibt dünn und zusammenhanglos. Er verlangt keine Anteilnahme.

Intensiver versucht der Regisseur der Tiefe und Tragweite des Verhältnisses zwischen Mann und Frau nachzuspüren. In Giulietta Masina (Erdme) und Karl Raddatz (Jons) hat er zwei intelligente Darsteller, die diese Figuren in kräftigem Umriß zeichnen. Die Schauspielerin aus „La Strada“ und „Carbiria“ spielt hier ihre erste Rolle in einem deutschen Film. Um die Italienerin in diese Landschaft hineinzupassen, die sie an die Po-Sümpfe und „Bitteren Reis“ erinnern mochte, müssen die Drehbuchautoren (R. H. Stemmle und Victor Vicas) erklärend hinzudichten, daß bis in die äußerste Nordostecke des ehemaligen Deutschland italienische Fremdarbeiter hinaufkamen und ihre Kinder zurückließen. Wo doch die litauischen Landarbeiter so nah und so billig waren.

Am Drehbuch liegt es auch, daß die Erdme in den bekannten Strohhaufen fallen und Jons mit dem Nachbarsiedler Wittkuhn (ungekünstelt der Amerikaner Richard Basehart) betrügen muß, während die rührend ringende Erdme im Buch mit Wittkuhn die Triebe durch Beten besiegt. Was an Sudermann verändert wurde, wurde auch vergröbert. Schon dem Dichter ist vorgeworfen worden, er zeige falsche Leidenschaft, falsche Rührung, falsche Schlichtheit. Auch der Film arbeitet mit dem faulen Zauber berechnender und pikanter Wirkungen, so daß der schlichte, starke Kern der Geschichte von den Menschen, die viel zusammen erlebt und ertragen haben und sich darum nicht mehr trennen, fast darin untergeht. Agnes Fink als Wittkuhns kranke Frau, Gert Frühe als tätowierter Pole und Willy Rösner als Moorvogt sind, obwohl am Rande, handfest da. Erika Müller