Den wirtschaftspolitischen Ideen der Gewerkschaften fehlt es an Gegenwartsnähe

Von Erwin Topf

In einer Vorschau auf den Stuttgarter Kongreß des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hatte der eifrig um eine "neue Ordnung" des sozialen Bereiches bemühte Professor von Nell-Breuning geschrieben: die konservativste Institution der Welt seien heute die Gewerkschaften. Er begründete diesen zornigen Tadel insbesondere damit, daß man sich im gewerkschaftlichen Lager noch immer nicht von der längst überholten Vorstellung freimachen könne, wonach "die Gesellschaft" in zwei Klassen geschieden ist, die sich als Unternehmen – früher hieß es "Kapitalisten" – und als Arbeitnehmer – ehemals "Proletarier" – im Arbeitsverhältnis gegenüberstehen. Aber dies sei nicht mehr die Situation von heute; die Wirklichkeit lasse sich längst nicht mehr in das alte Schema des Dualismus der beiden Gegenspieler "Kapital" und "Arbeit" pressen; wer dabei verharre, verbaue sich die Chancen einer neuen Ordnung und werde immer, nur Flickwerk an der alten Unordnung zustande bringen. Als Beispiel führt der Autor das Unvermögen der Gewerkschaftsführer an, das Mitbestimmungsrecht als "einen Schritt über das Lohnverhältnis hinaus" zu erkennen und zu gestalten. Das werde versäumt, weil man sich hartnäckig an das Bestehende klammere.

Gegen Konzentration "an sichˮ

Zweifellos ist an dieser Kritik "etwas dran", und so wird sie auch da Zustimmung finden, wo man nicht gleich nach einer neuen Sozialordnung strebt, sondern schon recht zufrieden mit einer gut funktionierenden Volkswirtschaft wäre, in der sich dann auch ein einigermaßen gedeihliches und von alten Spannungen und Ressentiments zunehmends entlastetes Verhältnis zwischen Unternehmungen und Belegschaften entwickelt.

Was in Stuttgart an Ergebnissen des Gewerkschaftskongresses zustande gekommen ist, kann, von dieser Seite her betrachtet, im wesentlichen als positiv gewertet werden. Das gilt besonders von dem großen grundsätzlichen Referat zur Wirtschaftspolitik, das Ludwig Rosenberg – jetzt stellvertretender Vorsitzender, auf dem Platz, den bisher Georg Reuter innehatte – erstattet hat. Vor allem ist in der Frage des betrieblichen Miteigentums eine erfreuliche Klärung erfolgt, und zwar im Sinne einer klaren und eindeutigen Absage. Rosenberg hat sein Urteil – wonach alle Pläne, den einzelnen Staatsbürger, den einzelnen Arbeitnehmer unmittelbar am Vermögen der Unternehmungen zu beteiligen, praktisch undurchführbar seien – auf die Erkenntnisse gestützt,

1. daß eine solche Beteiligung nur jenen zugute käme, die zufällig in einem Unternehmen tätig sind, das diese Möglichkeit bietet,