Helsinki, im September

Wann ist die außenpolitische Lage Finnlands eigentlich nicht ernst gewesen?" fragte mich mein finnischer Kollege in dem kleinen Café nahe der Universität in Helsinki. "Es ist sehr schwer, Finnland zwischen Ost und West zu steuern. Als Kekkonen im Januar 1959 in Leningrad mit Chruschtschow verhandelte, vertrat unser Außenminister Törngren gleichzeitig Finnland beim skandinavischen Außenministertreffen in Oslo. In Oslo sprach unser Herz, in Leningrad die Vernunft."

Was damals tatsächlich zwischen Kekkonen und Chruschtschow besprochen wurde, ist immer noch nicht genau bekannt. Nach und nach verdichten sich jedoch die Anzeichen, daß es in Leningrad um militärische Dinge ging. Im Frühjahr bereits ist der finnische Oberbefehlshaber General Heiskanen mit einer Militärdelegation nach Moskau gereist. Am 1. Oktober nun wird eine sowjetische Militärdelegation unter dem stellvertretenden Kommandeur der sowjetischen Landstreitkräfte, General Schadow‚ in Helsinki eintreffen. Die Delegation soll nicht nur militärische Ausbildungsstätten und Anlagen besuchen, sondern auch Fabriken besichtigen und "Bekanntschaft mit der finnischen Bevölkerung schließen."

Der Austausch der Militärdelegationen war aber offenbar nicht das einzige Ergebnis der Januargespräche in Leningrad. In Helsinki ist jetzt bestätigt worden, daß Finnland Waffen in der Sowjetunion kaufen wird. Noch in diesem Jahr sollen zwölf Panzer vom Typ T 54, ferner Schulflugzeuge und Dieselmotoren für Küstenwachschiffe aus der UdSSR bezogen werden.

Bislang hatte sich Finnland strikt gegen sowjetische Waffenlieferungen ausgesprochen, da die Sowjets zugleich auch die Übernahme russischer Instrukteure und Ingenieure verlangten. Jetzt hat der Kreml auf diese Bedingung verzichtet. Die Waffenkäufe könnten, so ließ Helsinki durchblicken, eine neue Phase der sowjetisch-finnischen Zusammenarbeit auf militärischem Gebiet einleiten. Für die Schweden, Engländer und Franzosen aber – die Hauptlieferanten der finnischen Armee – war die beruhigende Erklärung gedacht, "daß auch in Zukunft keine grundsätzliche Umstellung der finnischen Einkaufspraxis bei der Beschaffung von Rüstungsmaterial erfolgt".

Dennoch macht man sich zumal in Stockholm Sorgen über die jüngste Entwicklung des finnischsowjetischen Verhältnisses. Die Schweden haben seit eh und je darauf hingewiesen, daß Finnland durch seinen unaufkündbaren – bis 1975 laufenden – Freundschafts- und Beistandspakt viel enger an Moskau gebunden ist als etwa Norwegen an den Westen. Und sie haben überdies seit jeher die Ansicht vertreten, die Lagerung von Atomwaffen in Norwegen und Dänemark werde automatisch dazu führen, daß Moskau die in diesem Abkommen liegenden Möglichkeiten stärker ausschöpft als zuvor.

"Wir können wohl viel korrigieren, nur unsere geographische Lage nicht", sagte mein finnischer Kollege in Helsinki. Die konservative Zeitung Uusi Suomi drückte die Konsequenzen dieser Tatsache noch deutlicher aus: "Finnland ist nicht mehr frei und kann nicht – den parlamentarischen Spielregeln entsprechend – eine Regierung bilden, ohne seine außenpolitischen Beziehungen zu gefährden." Günter Graffenberger