Ein Mann findet in einer alten Ledermappe drei Liebesbriefe und entdeckt, daß ihm seine Frau untreu war. Und er entdeckt darüber hinaus, daß sie über diese Untreue kaum Schuld empfindet. Sie hat alles schon fast vergessen, weil es für sie bedeutungslos war, nicht mehr als eine flüchtige, lässige Laune. Doch gerade diese Nichtigkeit, das längst Vergangene, zerstört die Zukunft einer langen, glücklichen Ehe. Michel, dem Ehemann, ist seine Frau genommen: jeder Satz der drei verhängnisvollen Briefe schiebt sich in höhnischem Triumph vor jeden Gedanken an Alice, seine Frau Da Michel jedoch Alice unverändert liebt, wählt er den Tod.

Das ist der erste Teil des Doppelromans der Colette: „Duett“; Paul Zsolnay Verlag, Wien und Hamburg; 223 S., 9,80 DM.

Es ist das Porträt einer Ehe, aufgezeichnet mit jener erbarmungslosen Genauigkeit der Empfindung, für die Colette berühmt geworden ist Wie ein grandioses Ballett vor der Kulisse eines verfallenden Landguts mit seinen fahlen Himmeln, seinem dekadenten Baumgrün, seinen verschlissenen matten Seidenstoffen, rollt die Handlung ab, steigern sich Gefahr und Leidenschaft und lassen den Partnern keinen Weg als den zur Trennung. Doch trotz aller flammenden und verletzten Ausbrüche bleiben die Bewegungen der beiden stilisiert wie die von Tänzern, beherrscht und der Kulisse würdig bis zum letzten Schritt.

Im zweiten Teil des Romans, „Le Toutounier“, findet Alice zurück in ein Leben ohne Michel. Sie zieht zu ihren Schwestern, auf den Toutounier, das große Schlafsofa der Mädchen, zurück zum Anfang. Und die gleiche lässige unbestimmte Atmosphäre des Weiblichen füllt sie wieder mit Unzerstörbarkeit und Leben. Die Frage nach Schuld wird nicht gestellt, weder von Colette noch von ihren Gestalten; die Liebe hat mit Schuld nichts, zu tun. Ihre Hölle ist endlose Erinnerung: an vergangene Lust, an verpaßte Möglichkeiten, das Unheil zu korrigieren, an fast vergessene Zärtlichkeiten.

Die Colette erzählt ihre Geschichte, ohne einem ihrer Helden auch nur einen halben Gedanken, ein halbes Gefühl zu schenken. Sie registriert jeden Zwischenton auf der Skala der Gefühlskomplexe, die den Weg des Dramas vom zufälligen Beginn an in die vorgezeichnete Bahn des großen Spiels der Leidenschaft lenken. Sie gibt so das Bild einer Ehe, das sonderbar fasziniert durch den Kontrast zwischen vollkommener Unpersönlichkeit im Ablauf der Handlung (Verrat – Entdeckung – Tod) und vollkommener Persönlichkeit in der intimen Darstellung des Ehealltags. Ein Roman, der sich weder um die Zeit kümmert, noch um die Theorie des Romans, sondern nur um sein Thema, nur um die Ehe. Ein Roman, der alles in allem die Colette bestätigt. / sy