Rom, im Oktober

Vor fünf Wochen begann der Umzug des italienischen Außenministeriums – jetzt ist er beendet. Der rostbraune barocke Palazzo Chigi, der jahrzehntelang das Symbol für die italienische Außenpolitik war – wie der Quai d’Orsay für Frankreich und der Ballhausplatz für Österreich –, wartet auf den Einzug eines der vielen Ämter, die bei der zentralistischen Organisation des italienischen Staates Rom ihr Gepräge geben.

Der neue Sitz des Außenministeriums ist ein Riesenbau am Nordrand der Hauptstadt, am Fuß des Monte Mario in der Nähe des Olympiastadions und des in Foro Italico umbenannten Forum Mussolini. Das siebenstöckige Gebäude im protzig-imperialen Stil aus der Mussolini-Zeit ist größer als das Kolosseum, größer auch als Italiens größtes Königsschloß in Caserta (die Frontseite mißt 169 Meter). Mit seiner Verkleidung aus spiegelblankem Carrara-Marmor und Glas wirkt es wie ein staatliches Kühlhaus.

Das neue Ministerium hat jedoch gegenüber dem im 17. Jahrhundert vollendeten Palazzo der römischen Fürsten und Bankiers Chigi im Herzen von Rom zwei Vorteile: Seine 1200 Räume können endlich alle Abteilungen des Außenministeriums bequem aufnehmen, die bisher im ehrwürdigen Palazzo Chigi keinen Platz hatten und über ganz Rom verstreut untergebracht waren. Außerdem wird jeder, der bei dem neuen Amt vorspricht, seinen Wagen ohne Schwierigkeit abstellen können. Der Platz vor der Hauptfassade ist doppelt so groß wie der Petersplatz.

Dennoch ist den Beamten des Außenministeriums, besonders den Diplomaten der alten Schule, der Abschied von der früheren Arbeitsstätte mit ihren winkligen Korridoren und dunklen; mit verschlissenen, roten Seidendamast tapezierten Räumen schwergefallen. Für sie war es ein Abschied von einem Stück italienischer Geschichte – wenngleich der Palast, in dem von 1870 bis 1914 die österreichisch-ungarische Botschaft beherbergt war, erst 1923 von Mussolini für das Außenministerium belegt wurde. In ihm wirkten – nach dem Grafen Ciano, Mussolinis Schwiegersohn – in der jüngsten Vergangenheit Carlo Sforza, Alcide de Gasperi und Gaetano Martino,

Ciano war es auch, der als erster. eine Übersiedlung des Außenministeriums in den Riesenkasten plante, der am Monte Mario ursprünglich der monumentale Zentralsitz der faschistischen Partei werden sollte. Der zweite Weltkrieg verhinderte aber die Fertigstellung des Gebäudes-, Der Bau wurde erst vor kurzem mit dem enormen Aufwand von fast 7 Milliarden Lire – rund 45 Millionen DM – vollendet. Den endgültigen Beschluß zur Umsiedlung faßte der im Januar gestürzte Ministerpräsident und Außenminister Fanfani. Für sich hatte der ehrgeizige Politiker den größten Saal im repräsentativen, mit wertvollen antiken Möbeln, Bildern und Gobelins eingerichteten ersten Stock reservieren lassen. Seitdem heißt Fanfani wegen seiner Vorliebe für das Kolossale im römischen Volksmund il ducetto, der kleine Duce.

In der neuen Residenz ist alles perfekt: 1500 Telephone, Rohrpost, 20 Aufzüge, 26 Kilometer Aktenregale und Klimaanlage. Was jedoch fehlt, ist ein neuer Name. Frühere Bezeichnungen, die an faschistische Großmannssucht erinnern, kommen nicht in Betracht. Foro Italico klingt zu sportlich. Palazzo Farnesina – das Gebäude steht auf einem Gelände, das früher zu einem Weingut der Fürsten Farnese gehörte – wäre den Römern zweifellos sympathisch, aber es gibt in der Ewigen Stadt bereits einen Palazzo dieses Namens. Ein italienischer Botschafter meinte bissig, man sollte dieses einer Bienenwabe gleichende Gebäude doch den „Schweizerkäse“ nennen. Vorläufig hat man sich auf keinen Namen geeinigt – zum Leidwesen aller in Rom arbeitenden Journalisten.

Azio de Franciscis