Der Einladung für den Film mit dem Allerweltstitel „Rosen für den Staatsanwalt“ ist eine Empfehlung von Max Brauer, Erstem Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, mitgegeben, die sich mit diesem Titel eigentlich nicht verträgt. Es heißt darin: „Der Film ist nach fast (fast?) übereinstimmender Meinung nicht nur künstlerisch wertvoll; er ist zeitnah, zeitkritisch und mutig. Er leistet einen wertvollen Beitrag zur geistigen und menschlichen Verarbeitung unserer Vergangenheit.“ Das Lob ehrt den Lobenden, denn der Film attackiert Ämter und Institutionen, denen auch er selber vorsteht.

Der Mut der Filmleute, die sich für die Uraufführung in Hamburg (Barke / K. Ulrich / NF) so viel Vorschußlorbeeren von höchster magistraler Stelle besorgten, scheint jedoch nicht allzu groß gewesen zu sein. Zwar rebelliert dieser Film von Wolfgang Staudte (Regisseur von „Die Mörder sind unter uns“ und „Der Untertan“) gegen die Vergewaltigung des Bürgers durch den Staat und gegen die Sünden der Regierenden. Dafür ist der Regisseur schließlich aus der Sowjetzone hierhergekommen, damit er frei seine ätzenden Sprüche gegen die Behörden, gegen alte Nazis, gegen die ewig Gestrigen sagen kann.

Er sagt es exakt und eisig. Er ist bekannt durch seine agitatorische Diktion. (Das Drehbuch schrieb Georg Hurdalek nach einer Idee von Staudte). Aber sein Angriff ist anonym, er nennt keine Namen, und er hat sich nach allen Seiten abgesichert, wie das beim Film mit seinen Verkaufsabsichten (und der daraus resultierenden Neigung zum Unverbindlichen) so üblich ist. Darum die aufgesetzten Szenen mit dem Landgerichtspräsidenten und dem Generalstaatsanwalt, darum unzureichend bekleidete Mädchen als Ablenkungsmanöver. Darum das mitgegebene Gutachten des Bürgermeisters. Darum das Bemühen, aus dem Oberstaatsanwalt eine komische Figur zu machen.

Aber dieser Oberstaatsanwalt hat sich doch an einem Fall Zind (Studienrat Zirngiebel heißt er hier) schuldig gemacht. Er hat außerdem als Kriegsgerichtsrat in den letzten Kriegstagen noch einen Soldaten, der sich auf dem Schwarzmarkt Schokolade besorgte, wegen angeblicher „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt. Er hat jetzt seine Vergangenheit weggelogen und liest heimlich die Soldatenzeitung. Martin Held zieh: in dieser Rolle alle Register, und er macht es brillant.

Freilich bleibt diese tragische Figur eines Verirrten und Verbohrten ohne Leben: Sie ist aus Zelluloid. Mit Witzen ist da anscheinend nicht: zu machen. Die Wirklichkeit ist härter, schlimme: und unübersichtlicher als diese burleske Filmrealität. Zur beißenden Satire langt es nicht. Künstlerisch wertvoll? „Die höchste Aufgabe einer jeder Kunst ist es“ (nach Goethe), „durch den Schein die Täuschung einer höheren Wirklichkeit zu geben.“ Nicht aber, den Schein so lange zu verwirklichen, bis eine gemeine Realität übrigbleibt.

Dennoch ist dieser intelligente filmische Versuch, die (nicht mehr jüngste) Vergangenheit zu bewältigen, faszinierend in den Einzelheiten. Staudte hat scharf beobachtet und zum erstenmal versucht darzustellen, was die harte Arbeit und rastlose Betriebsamkeit aus den Bundesbürgern gemacht hat. Der Film spiegelt ihre Nervosität (zum Beispiel das Unvermögen, Sätze zu Ende zu sprechen und sich zu konzentrieren), er schildert das matriarchalische System, in dem die patenten und tüchtigen Frauen die Initiative der Männer lähmen, und das rücksichtslose Erfolgsstreben, das empfindsamen Leuten ohne Ellbogen wenig Chancen läßt.

Den Arglosen mit dem Todesurteil in der Tasche, das ihm 1945 kurz vor der geplanten Exekution vor die Füße geweht wurde, ehe er bei einem Bombenangriff fliehen konnte, interpretiert, unter Staudtes kluger Regie, Walter Giller bewegend. Dieser komödiantische Schauspieler, den wir aus vielen Klamaukfilmen kennen, hat hier seine große Stunde der Bewährung. Ingrid van Bergen trägt als junge resolute Restaurantpächterin,, an Hildegard Knef erinnernd, Züge einer Frau von heute.