Von Ludwig Marcuse

Hollywood, September 1959

Mr. K. wird deutsch Chruschtschow geschrieben, englisch Khrushchew; und, wenn ich richtig, informiert bin, russisch Chruschtschoff ausgesprochen (Ton auf der letzten Silbe). In Amerika nennt man ihn Mr. K., weil es hierzulande Sitte ist, Institutionen mit Initialen abzukürzen. Und Mr. K. ist längst viel mehr als ein Individuum.

Allmählich wird mir klar, was das Neue des zwanzigsten Jahrhunderts ist: daß man vieles nicht mehr durch-denken, nur noch durchschauen kann. Ich kann Mr. K’s Argumente so energisch zwischen die Zähne, nehmen, wie ich vermag: sie geben nichts her. Anders ist es, wenn ich das Gehörte ignoriere und mich aufs Sehen konzentriere.

Meine Augen waren dabei, als er in Washington in einem Super-Jet ankam, für den die längste Rollbahn kaum lang genug war. Als er aber dann ausstieg, hatte man den Eindruck, er sei gerade mit einem Stadt-Bus gekommen. Da das Flugzeug nicht an der vorgesehenen Stelle landete, gab es eine kleine Verwirrung; er war etwas verloren – und sah aus (meine Augen merkten es sich), wie dann immer, wenn er nicht agierte: ein Bäuerchen in der Weltstadt. Auch der amerikanische Präsident war seltsam verändert: als hätte man ihn auf eine schmerzhafte Stelle getreten – und er durfte nicht Au sagen. Die beiden waren Akteure, die Gast und Gastgeber spielten – und wußten genau, daß der andere sich nur ein bißchen verstellt.

Dann sahen meine Augen Mr. K. vor der Presse. Er brachte den Leuten Marxismus bei; denn er meinte, man solle nicht über Kleinigkeiten reden, welche die Unteren erledigen könnten, nur über Prinzipien. Die Zuhörer aber entstammten vor allem der angelsächsischen Rasse, die bekannt ist für ihr Interesse am Konkreten. So redete er Rotwelsch-Hegel, sie aber business. Sie fragten ihn, nach dem Kurs übers „Kommunistische Manifest“ (für Anfänger): Was wollen Sie kaufen, was verkaufen? Er offenbarte, daß ihm zumute wir wie einem armen Verwandten unter lauter Arrivierten – und wurde ausfallend: Ich bin nicht hergekommen, um zu betteln. Man fragte: Sie haben Stalin verurteilt – was haben Sie damals unternommen, als er seine Verbrechen beging? Er nannte das Kalten Krieg und schimpfte auf Russisch. Er drohte bisweilen, nicht mehr mitzuspielen, wenn man ihn weiter ärgere. Ach, er versäumte die gute Gelegenheit, die Amerikaner, die es bitter nötig haben, aufzuklären: daß es bei ihm zu Haus seit zwanzig Jahren ein Erbrecht, das kapitalistische Prinzip des Profitmotivs und eine Gesellschaft des Wettbewerbs gibt. Er aber gab den Amerikanern den Eindruck, daß der sogenannte Kommunismus so ist, wie sie ihn sich vorstellen. Glaubt er es etwa selber?

Vor den United Nations – da waren meine Augen und Ohren dabei – forderte er ganz schlicht den ewigen Frieden per sofort (das heißt: in 48 Monaten). Sogar Kuba und die Dominikanische Republik haben die Waffen zu strecken. Da man sich dagegen wirklich nicht wenden konnte und auch gar nicht wollte, versprach man von hoher amerikanischer Stelle, man werce dies interessante Projekt sofort eingehend studieren. Mr. K. ist nur für Prinzipien und überlädt das Wie untergeordneten Instanzen. Mir aber kommt das so vor, als hätte Goethe seinem Abschreiber mitgeteilt, er habe die Idee zum Faust – und überlasse ihm, seiner Schreibhilfe, das untergeordnete Geschäft des Dichtens.