Die Abhörgeräte, die in den Wohnungen des katholischen Weihbischofs Bengsch in Ostberlin und des evangelischen Bischofs Noth in Dresden gefunden wurden, gehören zu den konventionellen Waffen der DDR im lautlosen Kampf gegen die Kirche. Die Waffen sind scheinbar herrenlos. Der Besitzer meldet sich nicht, denn es muß ja die Fiktion aufrechterhalten werden, daß der Artikel 8 der DDR-Verfassung noch unbeschränkt gilt. Jener Artikel, der die „persönliche Freiheit, die Unverletzlichkeit der Wohnung, das Postgeheimnis und das Recht gewährleistet, sich an einem beliebigen Ort niederzulassen“. Für die Bürger der DDR, die sich zum Christentum bekennen, gilt dieser Artikel in der Praxis jedoch ebensowenig wie die Artikel 41 bis 48, die sich mit „Religion und Religionsgemeinschaften“ befassen.

Die Christen aller Konfessionen werden in der DDR auf doppelte Weise in die Zange genommen; sie werden der mangelnden staatsbürgerlichen Loyalität verdächtigt, und ihr religiöses Bekenntnis wird als Beweis eines unwissenschaftlichen Mystizismus und Köhlerglaubens verächtlich gemacht.

Daß es in dieser Situation nach wie vor von Staats wegen offiziell keine Behinderung der kirchlichen Verkündigung und der kirchlichen Kulthandlungen gibt, daß die Universitäten noch immer theologische Fakultäten haben und Nachwuchs für den Pfarrerberuf heranbilden dürfen, gehört zu den nur dialektisch begreifbaren Eigenarten eines totalitären, kommunistisch geführten Staates, der zwar alle „Handlungen, die sich gegen die Gleichberechtigung richten“, als „Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches“ bezeichnet, jedoch der allmächtigen Staatspartei gestattet, alle diejenigen, die nicht den Thesen des dialektischen und historischen Materialismus folgen wollen, zur Selbstaufgabe zu nötigen.

In den Beschlüssen des V. SED-Parteitages vom Sommer vorigen Jahres einschließlich der im Zusammenhang mit ihnen verkündeten zehn sozialistischen Moralgebote sind die Richtlinien für den neuen Kampf gegen das Christentum gegeben. Es ist kein Kampf, der die Gefängnisse mit Märtyrern füllt, in diesem Kampf neuen Typs fallen die Opfer durch Auszehrung.

Wie verhält sich der christliche Bürger in der DDR einem Staat gegenüber, der ihm mißtraut und ihn günstigstenfalls nach der Zahl der geleisteten Aufbaustunden im Nationalen Aufbauwerk (NAW) einschätzt?

Die katholischen Bischöfe haben den Weg der Gewissenstreue, gewiesen, auch auf die Gefahr hin, daß der Christ benachteiligt und zurückgesetzt wird, weil er nicht mitmacht. Und sie haben gewarnt vor der Gefahr, Mitläufer zu werden und – innerlich widerstrebend – äußerlich mitzumachen, um keine Unannehmlichkeiten zu haben. Die Bischöfe, von denen nur einer seinen Sitz im Gebiet der DDR hat, wissen sehr wohl, daß nicht jeder die Kraft hat, einem solchen Appell, allen Anforderungen zu widerstehen, die mir dem religiös geschärften Gewissen nicht vereinbar sind, zu folgen. Die katholischen Christen in der DDR wählen keineswegs immer den Weg der Gewissenstreue und der staatsbürgerlichen Benachteiligung.

Bei den evangelischen Christen ist es nicht anders. Die Leitungen der im Gebiet der DDR liegenden Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland haben bisher empfohlen, in der Loyalität gegenüber der DDR bis an die Grenze dessen zu gehen, was sich mit einem christlichen Gewissen vereinbaren läßt. Sie blieben notgedrungen bei dieser Empfehlung, nachdem die Evangelische Kirche in Deutschland als organisatorische Einheit praktisch aufgehört hatte zu existieren.