Von Werner Ross

Im 19. Jahrhundert waren die Dichter Volkstribunen oder Mieter in Elfenbeintürmen: Balzac schrieb nachts und schlief bei Tage, Flaubert saß in der Zelle wie ein Mönch und feilte Zeilen, während Heine, Herwegh, Hugo in die Arena stiegen, zur Not auch auf die Barrikaden.

Für die Engagierten war „Menschheit“ das große Wort, sie kämpften redlich oder bissig für den Fortschritt, die Emanzipation, die Toleranz. Millionen von Lesern rührt Dickens, indem er seine Kinderhelden allen Mißständen Englands aussetzte.

Schließlich kam der Naturalismus, der sich für Natur nur noch sehr wenig, um so mehr aber für Fabriken, Warenhäuser, Heimarbeiter und Hinterhofbewohner interessierte: Hauptmanns Weber redeten schlesisch von ihrer Not, und Zolas Arbeiter fluchten Argot. Die Dichter schauten dem gemeinen Volk genau aufs Maul und ins Herz, und das soziale Gewissen wurde wachgerüttelt (so sagte man).

Trotzdem hat dieses Menschheitsstreitertum einen zweideutigen Charakter: die Weber, die Bergarbeiter, die Dienstmädchen der Naturalisten waren im Grunde Studienobjekte. Zola hat sie vorzüglich, „naturgetreu“ beobachtet. Aber er hätte auch die Unterwasserfauna mit dem gleichen Fleiß erfaßt, wenn es ihm eingefallen wäre, einen Roman auf dem Meeresgrund spielen zu lassen. So wenig ein Ethnologe seinerzeit auf den Gedanken gekommen wäre, Neger zu werden, um über die Bantus Informationen zu sammeln, so fern lag es ihm und seinesgleichen, ins Milieu zu tauchen, um darin zu leben oder gar praktische Hilfe in leisten. Hauptmann wurde ein Dichterfürst mit Goethekopf.

Der Vorzug unseres Jahrhunderts ist es, allgemeinen Redensarten nicht mehr über den Weg zu trauen. Der Intellektuelle, der mit den kommunistischen Ideen liebäugelt, aber nicht die Sprache der kommunistischen Kumpel spricht, ist eine tragische Figur geworden: in der Literatur bei Sartre, in dem Hugo der „Schmutzigen Hände“, in der Wirklichkeit verkörpert in dem jungen hochbegabten Dichter Cesare Pavese, der sich verbrüdern wollte und Selbstmord beging, weil er trotz allem guten Willen draußen blieb.

Italien hatte nach dem letzten Krieg den Vorteil, daß es in den Elendsvierteln der Großstädte und in den Elendsgebieten des Südens genügend sozialen Stoff aufzuarbeiten hatte, und den Vorzug, genug Herz zu haben, um den Neoverismo in Literatur und Film über soziale Anklage und Fortschritts-Pathos hinweg ins Brüderliche zu heben. Bücher wie „Christus kam nur bis Eboli“ sind aus echter Mitwisserschaft geschrieben worden.