Als endlich die Entscheidung gefallen war, daß Heinrich Lübke die Nachfolgerschaft von Theodor Heuss im höchsten Amt der Bundesrepublik antreten würde, erhob sich sogleich die neue Frage: Wo bekommen wir einen neuen Landwirtschaftsminister her, dessen schwierige Funktion es ist, für Produzenten und Konsumenten gleichermaßen zu sorgen ...

Der nächstliegende Gedanke war, dem Präsidenten der deutschen Bauernschaft das Amt anzuvertrauen. Aber dieser, der Niedersachse Edmund Rehwinkel aus Westercelle, lehnte kategorisch ab, mit der durchaus stichhaltigen Begründung: er sei Bauer und kein Politiker, und werde nie ein politisches Amt übernehmen. Nun wurde der Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes, Hans-August Lücker, genannt: gegen seine Kandidatur sprach aber, obwohl er der Person nach durchaus geeignet wäre, daß der CSU „aus Gründen der Parität“ nicht noch ein weiterer – fünfter – Kabinettsposten zufallen sollte. Der neue Minister, so hieß es, sollte möglichst ein norddeutscher Bauer oder Landwirt (evangelischer Konfession) sein – um der „Kabinettsarithmetik willen“. Damit kam Detlef Struve, Vorsitzender des Schleswig-Holsteinischen Bauernverbandes und langjähriger CDU-Abgeordneter im Bundestag, ins Gespräch. Aber auch er lehpte die Kandidatur ab, aus mannigfachen und durchaus respektablen Gründen – insbesondere deshalb, weil er sich sachlich wie auch gesundheitlich der Aufgabe nicht voll gewachsen fühlte. Zugleich verwies er auf seinen Stellvertreter in der Leitung des Schleswig-Holsteinischen Bauernverbandes, Werner Schwarz auf Gut Frauenholz im Kreise Stormarn: das sei der richtige Mann.

Ein solches Wort, aus dem Munde des wegen seiner menschlichen Qualitäten im ganzen Lande geschätzten Detlef Struve, hat Gewicht. Mag auch die Vorgeschichte der Kandidatur von Schwarz-Frauenholz manches Bedenkliche gegen sich haben, so sollte doch niemand in diesem Zusammenhang von einer „Verlegenheitskandidatur“ sprechen. Man darf gut und gern die Prophezeiung wagen, daß er, der bisher nur einem beschränktem Kreis bekannte „Hinterbänkler“ der CDU-Fraktion im Bundestag (seit 1953), nicht bloß einen guten Fachminister abgeben, sondern sich auch als kraftvolle politische Persönlichkeit im Kabinett durchsetzen wird.

Er mag, mehr noch vielleicht als sein Vorgänger im Ministeramt, einen Mann des sachlichen Ausgleichs sein, dem auch bei harten Auseinandersetzungen die verbindliche Form zu Gebot steht – aber er ist sicherlich kein Mann bequemer oder gar fauler Kompromisse. Seine fast allzu bescheiden wirkende unauffällige schlichte Art, die viel an menschlicher Güte, an „Höflichkeit des Herzens“, durchscheinen läßt, könnte vielleicht zu dem Trugschluß verleiten, man habe es mit einem weichen, eher schwachen Naturell zu tun. Das Gegenteil ist richtig: all das, und die ruhig-gelassene Art seines Auftretens ist tatsächlich nur Ausdrucksform einer beträchtlichen und dabei wohlbegründeten Selbstsicherheit.

Das wären nun, bei einem Verbandsfunktionär, wahrhaft seltene (um nicht zu sagen: seltsame) Eigenschaften ... aber es wäre freilich auch ganz und gar abwegig, den Besitzer des Hofes Frauenholz derart abstempeln zu wollen. Gewiß ist Werner Schwarz ein „richtiger“ Landmann – wenn auch in Hamburg als Sohn eines Kaufmannes geboren und aufgewachsen – und ein passionierter Landwirt dazu. Aber in die Verbandstätigkeit ist er, der 1926 schon – sechsundzwanzig Jahre alt damals – den rund 600 Morgen großen Hof übernommen hatte, erst in den schlimmen Jahren nach Kriegsende hineingegangen, als und weil Not am Mann war. Damals wurde er Leiter der Kreisbauernschaft Stormarn, mit dem Amtssitz in der einige Kilometer von Frauenholz gelegenen „neuen“ Kreishauptstadt Bad Oldesloe.

In den Dörfern und Kleinstädten des Landes Stormarn lebten damals weit über doppelt so viele Menschen wie in der Zeit vor dem Kriege, darunter viele „Butenhamburger“ (also Leute, die in Hamburg obdachlos geworden, von da geflüchtet oder evakuiert worden waren) und Ost vertriebene; das Gutshaus von Frauenholz beispielsweise beherbergte nun, außer den acht ständigen Bewohnern, 32 solcher Dauergäste.

Es sei ein Glück gewesen – so meint der Gutsherr von jenen Zeiten berichtend –, daß die Lübecker „etwas Busch stehen ließen“, als sie ums Jahr 1200 die alten Eichen des Frauenholzes fällten, sie die Trave hinunterflößten und sie zum Bau der Kirche „Unserer lieben Frauen“ (St. Marien) verwandten. Die rund 30 Morgen „Busch“, oder Wald, die noch heute die vor gut 700 Jahren gerodeten Flächen des alten Kirchengutes Frauenholz umrahmen, boten in jenen Nachkriegsjahren wenigstens Feuerholz genug für alle Bewohner.