Paris, Ende September

General de Gaulle befindet sich nach der Antwort des FLN auf seine Algerienerklärung in einer höchst unangenehmen Lage. Schon einmal seit seinem zweiten Machtantritt hat er die Reaktion eines Partners im politischen Spiel in verhängnisvoller Weise falsch eingeschätzt. Das war, als mit Guinea wider sein Erwarten ein afrikanisches Territorium doch von der angebotenen Unabhängigkeit Gebrauch machte. Seither ist die allzu zentralistische Communauté auf Sand gebaut, wie der in diesen Tagen erhobene Anspruch von Mali (Senegal und Sudan) auf Souveränität in einer losen Commonwealth-Bindung zeigt.

Ähnlich steht es nun in den algerischen Angelegenheiten Frankreichs. De Gaulles Prinzipienerklärung sollte dazu dienen, für die Zukunft die guten Absichten Frankreichs zu proklamieren, in der unmittelbaren Gegenwart aber die Weiterführung des Krieges zu erlauben. Nur etwas konnte dieses Konzept stören: Wenn der FLN auf die auch noch so unbestimmten Vorschläge zu einer sofortigen Beendigung des Krieges eingehen würde.

Diese Möglichkeit hatte man auf französischer Seite offensichtlich für nicht gegeben angesehen. De Gaulles Erklärung hatte ja den FLN lange nicht mehr so respektvoll behandelt, wie noch jener Aufruf zum „Frieden der Tapferen“ im letzten Herbst – diesmal wurde der FLN mit verächtlicher Betonung beiseite geschoben.

Das Pech für de Gaulle ist nun, daß der FLN sich nicht hat reizen lassen. Zweifellos hat dabei ein so geschickter Diplomat wie Bourgiba, der tunesische Staatschef, seine Hände im Spiel. Die Antwort des FLN an de Gaulle ist zwar bestimmt, aber es fehlt ihr jeder leidenschaftliche Ausfall, der erlauben würde, sie als unqualifiziert beiseite zu schieben. So bleibt für Paris bloß der Ausweg, dem FLN seine Kompetenz als Sprecher des algerischen Volkes abzustreiten. Dem stellt der FLN jedoch ein Argument von Gewicht entgegen: Die Zuerkennung des Selbstbestimmungsrechts an die Algerier wie alle übrigen Versprechungen an diese wären niemals erfolgt, wenn der FLN nicht zu den Waffen gegriffen hätte.

Außerdem hat sich der FLN eine weitere de facto-Legitimität dadurch verschafft, daß er sich in seiner Antwort im Gegensatz zu de Gaulles unverhüllten Teilungsabsichten entschieden als Gegner jeder „palästinensischen Lösung“ für Algerien bekannt. Das kann seinen Eindruck auf die Weltöffentlichkeit nicht verfehlen, die an der Bürde der bereits geteilten Länder schon schwer genug trägt.

Der unangenehmste Brocken für de Gaulle ist aber zweifellos der letzte Satz des von Ferhat Abbas verlesenen Textes: „Die provisorische Regierung der Republik Algerien ist bereit, mit der französischen Regierung in Verhandlungen einzutreten, um die politischen und militärischen Bedingungen eines Waffenstillstandes sowie die Bedingungen und Garantien für die Anwendung des Selbstbestimmungsrechtes zu diskutieren.“ Dies wirft in recht geschickter Weise Licht gerade auf diejenigen Stellen in de Gaulles Erklärung, die ganz unbestimmt gehalten waren, und – der FLN macht es damit de Gaulle nicht wieder so leicht wie im letzten Herbst, jede Verhandlung barsch abzulehnen.