Nikita muß vorher fragen

Deren Einfluß ist heute bereits so stark, daß die Spitzenführung häufig Vertreter der Oberschicht zu Beratungen zusammenruft, bevor entscheidende Veränderungen verkündet werden. Die Konferenz der Technologen im April 1955 und der Industriefunktionäre im Mai 1955 dienten der Vorbereitung der Dezentralisierung. Vor der Auflösung der Maschinen-Traktoren-Stationen im Frühjahr 1958 haben Beratungen der Führung mit Landwirtschaftsfunktionären, Agronomen und MTS-Direktoren stattgefunden. Auch vor der Schulreform hat Chruschtschow eine Konferenz mit Pädagogen und Volksbildungsfunktionären einberufen.

Im Zusammenhang mit den sehr weitgesteckten Zielen des Siebenjahresplans und der gegenwärtig im Zentrum der Aufmerksamkeit stehenden Automatisierung der Produktion wird die Spitzenführung genötigt sein, führenden Kreisen der Wirtschaft und Wissenschaft ein gewisses Mitspracherecht zuzugestehen.

Allerdings sind dem steigenden Einfluß der Oberschicht deutlich abgesteckte Grenzen gesetzt. Die Spitzenführung ist zwar schon genötigt, Bestrebungen, Vorschläge und Forderungen der Oberschicht zu berücksichtigen, aber sie ist noch stark genug, in allen entscheidenden Fragen ihren eigenen Willen durchzusetzen. Die Oberschicht ihrerseits ist bereits einflußreich genug, vorbereitete Maßnahmen der Spitzenführung zu beschleunigen oder zu verzögern, zu verringern oder zu erweitern, übermäßige Härten abzuschwächen und gewisse Konzessionen einzubauen, aber sie ist noch nicht stark genug, in entscheidenden Fragen ihren Willen gegen die Spitzenführung durchzusetzen oder sie von beabsichtigten Maßnahmen völlig abzubringen.

Auch das Volk spricht mit

Das eigenartige Wechselverhältnis zwischen Spitzenführung und Oberschicht bringt es mit sich, daß auch andere, außerhalb der Oberschicht bestehende Kräfte der Sowjetgesellschaft – wenn auch in sehr beschränktem Umfang – zu Wort kommen. Selbst unter der Decke des Stalinschen Terrorsystems waren unterschiedliche Auffassungen, Strömungen und Tendenzen nicht völlig ausgelöscht. Mit der Zurückdrängung des Staatssicherheitsdienstes nach Stalins Tod, den wechselndenMachtverhältnissen der Führung und den nachstalinschen "Reformen von oben" traten die Tendenzen und Strömungen offener in Erscheinung.

Die Parteiführung hatte nach Stalins Tod das Prinzip der kollektiven Führung proklamiert – und mußte sich schon bald mit jenen Leuten auseinandersetzen, die eine innerparteiliche Demokratie und einen freien Meinungsaustausch innerhalb der Partei verlangten (die in der Parteipresse prompt als verlangten Liberale" bezeichnet wurden). Einige Leitsätze Stalins wurden von der Führung kritisiert und als überlebt bezeichnet; wenige Wochen später eröffneten Parteizeitschriften eine Kampagne gegen Historiker, Philosophen und Wirtschaftswissenschaftler, weil diese eine viel weitergehende Abkehr von Stalin befürworteteten.