Die Führung gab die Dezentralisierung bekannt; schon bald darauf waren, wenn auch in verklausulierter Form, Forderungen nach einer weitergehenden, konsequenteren Durchführung zu hören. Die Gewerkschaften wurden aktiviert und Produktionsberatungen in Betrieben eingeführt; schon mußte sich die Parteipresse mit Forderungen nach gewählten Arbeiterräten und der geheimen Wahl von Betriebsdirektoren auseinandersetzen. Die Parteikontrolle über die Schriftsteller wurde nur ein wenig gelockert; schon gab es Forderungen, vom Prinzip der "Parteilichkeit" und des "sozialistischen Realismus" überhaupt abzugehen und Aufrichtigkeit und Volksverbundenheit an ihre Stelle zu setzen.

Die Maschinen-Traktoren-Stationen sollten schrittweise, im Verlaufe von drei Jahren, in Reparaturwerkstätten verwandelt werden; kaum war dies ausgesprochen, als ein Sturm auf die MTS einsetzte und ihre völlige Auflösung nicht mehr zu verhindern war. Von oben wurde das Prinzip der "sozialistischen Gesetzlichkeit" proklamiert; nicht wenige sowjetische Juristen nahmen dies allzu wörtlich und unterbreiteten Vorschläge, die der Parteiführung viel zu weit gingen.

Die Parteiführung befindet sich dabei in der schwierigen Lage, sowohl gegen "konservative Dogmatiker" wie gegen die "Reformer" im Partei- und Staatsapparat vorgehen zu müssen. Die Konservativen betrachten viele Reformen der nachstalinschen Ära mit Mißtrauen und sehnen sich nach der "guten alten Zeit" unter Stalin zurück. Andererseits aber – und viel häufiger – mußte sich die Parteiführung gegen die "zu weitgehenden" Kräfte in der sowjetischen Öffentlichkeit wenden, die bestimmte Reformen lediglich als Ausgangspunkt ansahen und sich für ihre Beschleunigung und konsequente Weiterführung weit über das von der Führung gewünschte Ziel hinaus einsetzten.

Diese Reformströmungen sind heute nicht mehr auf bestimmte Kreise in der sowjetischen Oberschicht beschränkt. Auch die Stimmung der "einfachen" Bevölkerung kann heute von der Führung nicht mehr auf die leichte Schulter genommen werden. Der Druck von unten ist seit Stalins Tod nicht nur in den Ostblock-Ländern offenbar geworden (besonders anschaulich im Juni 1953 in der Sowjetzone und im Herbst 1956 in Polen und Ungarn), sondern auch in der Sowjetunion.

Zwischen 1953 und 1955 gab es Streiks und Aufstände in den Lagern von Workuta, Karaganda, Taischet und Kirgin. Im Frühjahr 1956 kam es zu Unruhen in Georgien, zu Streiks und Arbeitsniederlegungen – auch in anderen Städten der UdSSR. Gewiß sind nicht alle sozialen Konzessionen der letzten Jahre – die Reform des Lohnsystems, die Erhöhung der Pensionen, die Verkürzung der Arbeitszeit, die stärkere Berücksichtigung der Konsumgüterproduktion und das große Wohnbauprogramm – etwa nur auf den Druck von unten zurückzuführen. Sie sind vielmehr ein unabdingbarer Bestandteil der allgemeinen Modernisierung des Wirtschaftssystems der UdSSR, des Übergangs vom administrativ-zentralistisch-bürokratischen Stalinsystem zu neuen Herrschaftsformen, in denen Selbständigkeit und Initiative unterer Wirtschaftsbehörden und materielle Anreize eine größere Rolle spielen. Aber Tempo und Ausmaß der sozialpolitischen Maßnahmen sind sicher nicht ohne Berücksichtigung der in der Bevölkerung vorhandenen Stimmungen bestimmt worden. Auch der Druck von unten beginnt, zumindest indirekt, wirksam zu werden.

All dies spricht dafür, daß in der Sowjetunion die Zeiten vorbei sind, da eine kleine Gruppe von Männern im Kreml völlig willkürlich regieren kann. Sicher wäre es unrichtig, zumindest aber verfrüht, von einer "Demokratisierung" oder "Liberalisierung" zu sprechen: Die dominierende Rolle der Führung und des Parteiapparates, die absolute Kontrolle aller Lebensbereiche steht nach wie vor außer Frage. Doch ihrer Herrschaft sind heute auch innenpolitisch Schranken gesetzt.