Ein Unschuldiger, den Weimar einsperrte, Hitler festhielt und den die Amerikaner verurteilten

Ein Schicksal unserer Tage, aufgezeichnet von Ernst von Salomon

Die ZEIT veröffentlicht hier eine der seltsamsten und bezeichnendsten Geschichten dieser Zeit: die Tragödie des Mannes, der hinter Gitter geriet. Seine Schuld? Er hatte sich als junger Leutnant in ein Mädchen verliebt, das die Tochter eines prominenten Kommunisten war: Festungshaft. Weil er aber auf Festung gewesen, „stellte“ Hitler ihn „sicher“: Konzentrationslager. Weil er dort „Kapo“ geworden war, verurteilte ihn das amerikanische Gericht im Zeichen der Reeducation. O ja, er lernte seine Gegner-kennen, spätestens dann, wenn sie mit ihm im gleichen Kerker saßen und wenn sie gemeinsam fragten: „Warum?“ – Dieselbe Frage haben so viele gestellt, die im Konzentrations- oder Gefangenenlager saßen. Und so viel ist doch auch gewiß: daß unter den deutschen Männern, die älter als 35 Jahre sind, diejenigen in der Minderzahl sind, die nicht gesessen haben; wenigstens umspannten die Gitter und Drähte der Kriegsgefangenen-Camps ganze Generationen. Und immer die Frage: Warum?

Da ist ein Mann, an dem nichts auffällig ist, außer vielleicht seiner Unauffälligkeit.

Auf den ersten Blick schätzt man sein Alter auf etwa Ende fünfzig, und in der Tat, er ist 1901 geboren. Sein blondes Haar, auf einem gut geformten, jedoch nicht außergewöhnlich vierkantigen Schädel bei schmalem Gesicht, ist schon recht dünn und an den Schläfen angegraut, die Frisur eben so, wie sie jeder Friseur ohne Anweisung zurechtschneidet, hinten kurz, an den Seiten etwas länger, oben so lang, daß einzelne Strähnen bequem über die schon etwas porige Kopfhaut gezogen werden können – aber sie sind glatt zurückgestrichen. Kleine Fältdien an den Augenwinkeln sind auf eine gewisse Verschmitztheit zurückzuführen, die sich sofort erklärt, wenn der Mann etwas sagt.

Er spricht mit einem ganz leichten sächsischen Akzent. Die Figur: Mittelmaß natürlich, mager und mit dem kleinen Ansatz eines Bauches, der sich nicht recht traut. Vielleicht hat er ein Magenleiden? Er ißt Diät, aber ungern. Es können natürlich auch die Nieren sein oder die Leber – aber wenn dies der Fall ist, so dürfte dieses Leiden keineswegs auf den gewohnheitsmäßigen Übergenuß von Trinkbarem zurückzuführen sein.

Der Mann ist mäßig, in allem, was Genuß betrifft, auch in seinen Ansichten. Seine Bewegungen sind ruhig und gesetzt. Er trägt im rechten Ohr ein kleines merkwürdiges Gebilde aus irgendeinem Kunststoff, einen winzigen Hörapparat. Er geht immer links von seinem Gesprächspartner. In seiner Kleidung bevorzugt er graue Stoffe.