D. B., Hongkong, im Oktober

Die „Briefkastentante“ gehört zum Standardrepertoire der westlichen Massenpresse. „Fragen Sie Tante Irene“ – sie weiß in allen Lebenslagen Bescheid, sie kennt die Fall- und Fundgruben der Liebe, und sie hat immer einen guten Rat bereit. Dieses Rates sind aber anscheinend nicht nur die Menschen der kapitalistischen Gesellschaft bedürftig. Auch hinter dem Bambusvorhang stiftet die Liebe noch immer Verwirrungen, und auch dort gibt es psychologische Nothelfer.

Da ist beispielsweise Tantchen Wang, die in der Zeitung „Frauen von China“ die Briefkastenecke verwaltet. Kürzlich klagte ihr der Genosse Li sein Leid. Er hatte ein Mädchen namens Hsiao Yu kennengelernt und sich in sie verliebt. Er kaufte ihr Kleider, führte sie ins Kino und in teure Restaurants. Hsiao Yu schien entzückt über diesen aufmerksamen Bewerber und willigte schließlich in die Ehe ein. Von Stund an aber änderte sie ihr Verhalten. Sie verschenkte keine Zärtlichkeiten mehr und war nur noch gegen kostspielige Versprechen bereit, ihrem Gatten die Eherechte zu gewähren. Das aber hielt auf die Dauer weder Lis Geldbeutel noch sein Gemüt aus.

Tantchen Wang schrieb dem geplagten Ehemann: „Hsiao Yu lebt völlig in kapitalistischen Vorstellungen. Ihr kommt es nicht auf einen Mann an, der tüchtig arbeiten kann und politisch auf der richtigen Linie ist. Sie ist nur auf Geld und Vergnügen aus. Sei ein Mann und ein Kommunist, und trenne Dich von ihr!“

Der psychologische Ratgeber im „Arbeiter von China“ ist Onkel Huang. Ein junger Bursche schrieb ihm, er habe erst vor einem halben Jahr sein Heimatdorf verlassen und habe in der Stadt geheiratet. Jetzt schickten ihn die Behörden wieder aufs Land zurück. Aber wenn er dorthin zurückkomme, lachten ihn seine alten Bekannten aus; außerdem habe seine Frau keine Lust, auf dem Dorfe zu versauern.

Onkel Huang las ihm in einem 1000-Worte-Artikel die Leviten. „Wenn es zu Mißverständnissen zwischen dir und deiner Frau kommt, so ist es deine Aufgabe, sie darüber aufzuklären, daß die Arbeit in der Landwirtschaft eine geweihte Sache ist. „Junge Kameraden“, so schloß Onkel Huang, „folgt dem Ruf des Vaterlandes, Brust raus und Mut gefaßt! Tragt den Sozialismus aufs Dorf!“

Onkel Huang und Tantchen Wang sind um keinen Rat verlegen – noch weniger als ihre westlichen Kollegen. Denn sie kennen nicht nur die menschliche Seele, sie wissen auch in der kommunistischen Ideologie Bescheid.