Ein wenig bekanntes Theaterstück, „Les Vigies“ von Claude Baldy, wurde während der vorigen Spielzeit vom Stuttgarter Staatstheater für Deutschland erstaufgeführt. Es hieß dort. „Die Schwestern von La Roquette“. In Bremen nannte man dasselbe Stück „Die Hüterinnen“. Das Fernsehen wählte für sein gekürztes Fernsehspiel als Überschrift ein Bibelzitat: „Und hätte die Liebe nicht.“ Wer den Luthertext im Ohr hatte, verzcg wohl das Gesicht, denn dort steht: „... und hätte der Liebe nicht.“ Doch Lutheraner sind für diese Mischung von krasser Weltlichkeit und Religiös – tät nicht zuständig. Allenfalls wäre Graham Greene als Zeuge aufzurufen, ob das Licht Gottes hell genug strahle in dieser mehr deskriptiven als problemträchtigen Reportage aus dem Pariser Untersuchungsgefängnis für Frauen.

Die Absicht des Autors, einem der unscheinbarsten Orden, den Maria-Theresien-Schwestern, ein Denkmal zu setzen, ist dem auf eine Stunde zusammengezogenen Fernsehspiel wohl gelungen Das Vorbild der Ordensstrenge wurde allerdings nur in einer Gestalt lebendig: durch die Schwester Assistentin von Hildegard Grethe. Die Zentralfigur, die allzu geliebte Schwester Elisabeth bekam von Gisela Mattishent persönlichen Reiz und die Konturen der Rolle. Doch den geistlichen Zwiespalt, in den diese schillernde Figur durch das menschliche Mitgefühl für ihre Schutzbefohlenen gerät, diesen religiösen Kern vermochte die Schauspielerin nicht überzeugend herauszuarbeiten. Auch die pervertierte Triebhaftigkeit, aus der Edith Tessier, eine Mörderin und Diebin, Nonne und Gegenspielerin der milden Schwester Elisabeth wird – Eliane Dunel konnte das nicht so anschaulich machen wie in Stuttgart Liselotte Rau.

Der Akzent von Raoul Wolfgang Schnells Regie lag auf dem Personenpanorama des weiblichen Untersuchungsgefängnisses. Mit meist unbekannten Schauspielerinnen gelang eine differenzierte Typenparade. Beklemmend wirkte eine Szene, in der die unterdrückten Lüste eingesperrter Frauen sich Luft machten, während das Aufseherin-Faktotum (Dorothea Thiess als Schwester Mathilde) eingenickt war. Auch wie die Räumlichkeit des Gefängnisses bildlich geworden war, gehört zu den Verdiensten dieser Berliner Inszenierung. Sie endete abrupt. Hier wurde spätestens fühlbar, daß in der Fernsehbearbeitung der Werkakzent von der religiösen Problematik des Autors auf seine reißerische Theatralik verlagert worden war.

Johannes Jacobi