Ein jeder intelligente Mensch ist ein Pessimist“, sagt mit bayrischem Akzent der Kasimir, und man darf annehmen, daß er damit eine Erkenntnis Oedoen von Horvaths zum besten gegeben hat. Solche allgemeinen Weisheiten sind den Personen des Volksstückes „Kasimir und Karoline“ dutzendweise in den Mund gelegt; beispielsweise: „Der Mensch ist schlecht, weil es ihm schlecht geht“, oder – frei nach Karl Marx und seinen Anregern – : „Der Mensch ist halt ein Produkt seiner Umgebung.“ Bei den bayrischen Typen des Oktoberfestes von 1931 nehmen sich diese Sprüche über Liebe, Seele, Politik und „das Menschliche“ allerdings ein wenig konstruiert aus. Gleichviel, was Oedoen von Horvath – ihn hat 1938 in der französischen Emigration ein herabfallender Ast erschlagen – Volksstück nennt, hat eher die Bezeichnung Drama verdient. Hinter dem Titel „Kasimir und Karoline“ verbirgt sich ein handfestes sozialkritisches Zeitstück, das die Labilität machtloser Menschen in wirtschaftlich und politisch kritischen Zeiten sichtbar macht; auch das verzweifelte Happy-End wirft kein Licht in die düstere Atmosphäre.

Das Stück spielt auf dem Rummelplatz. Kasimir (Bert Fortell) „abgebauter“ Chauffeur, bildet sich ein, seine Braut Karoline (Ruth Drexel) empfinde seine Arbeitslosigkeit als Makel. Mit Komplexen beladen wird er zum verklemmten Liebhaber, wird dickköpfig und bewirkt schließlich, daß Karoline ihn stehenläßt. Es folgt ein turbulentes Bäumchen-wechsle-dich-Spiel unter Liebenden, bis schließlich beide einen anderen Partner gefunden haben. Es ist eine Geschichte von Dickköpfigkeit, Minderwertigkeitskomplexen, Ausweglosigkeit, Lust, Neid, Eifersucht und was es dergleichen Regungen mehr gibt.

Der Regisseur, Michael Kehlmann hat dieses Stück von gestern auch in der Manier von gestern spielen lassen. Der Rummelplatz (Szenenbild: Walter Dörfler) wirkte wie ein Panoptikum verquerer Existenzen, in dem stockend-bedeutsam. bayrisch gesprochen wird. Die Schauspieler fügten sich sicher ein und boten ein konzentriertes, fast stilisiertes Spiel.

Wenn der Versuch, von Horvath wieder auf die Bühne (oder ins Fernsehen) zu bringen, auch anzuerkennen ist – „Kasimir und Karoline“ kommen ein wenig zu spät. Manfred Sack

Wer nicht wußte, wie die Fugger reich und mächtig geworden sind, der erfuhr es durch diesen Dokumentarbericht auch nicht. Doch das Fernsehen hat andere Aufgaben als der Schulfunk. Zwei Eigenschaften zeichneten den „Filmbericht zum 500. Jahrestag der Geburt Jakob Fuggers“ aus, durch die er manchem „Kulturfilm“ über Kunst als Vorbild dienen könnte: Er war von Sachkenntnis getragen, mochte sein Verfasser, Professor Götz Freiherr von Pölbnitz, zuweilen auch etwas viel voraussetzen. Und er ließ die Gegenstände sprechen. Das waren vor allem Kunstwerke, die von den Fuggern angeregt und bestellt worden sind, mit denen und in denen sie auf der Höhe ihrer fürstlichen Macht lebten. Behutsam wurde an ausgewählten Beispielen dargelegt, wie ein Geschlecht von „Wirtschaftsführern“ sich aus harten Unternehmern zu feinsinnigen Aristokraten entwickelte. Ohne daß ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, konnte man dem glänzend photographierten Schmalfilm entnehmen, daß die Fugger, die erfolgreichsten Repräsentanten des deutschen Frühkapitalismus, anders als viele späteren „Hochkapitalisten“, ihren Erfolg in Werken, großer Kunst manifestierten, daß diese reichen Männer aber auch soziales Verantwortungsbewußtsein besaßen. Die wiederaufgebaute Armenstiftung in Augsburg bezeugt es noch heute. Gewünscht hätte ich nur, daß bei dem andachtsvollen Schweifen der Kameras durch die kostbare Fuggerwelt gesagt worden wäre, was alt, was wiederhergestellt worden ist. J. J.