n., Berlin

Die „volkseigene“ Schuhfabrik „Goldpunkt“ in Ostberlin bereicherte in diesem Jahr ihr Produktionsprogramm um ein neues Erzeugnis: „Pantoletten“, Holzsandalen mit Lederoberteil. 700 Paare dieses „Goldpunkt“-Produkts liegen in einem Lagerschuppen der „VEB Deutsche Spedition“ in Berlin-Pankow, wohlverpackt, in 35 Kartons. Sie liegen dort schon seit Wochen, und kein Mensch will sie haben.

Daß die wertvollen Konsumgüter nutzlos herumlagen, wurde ruchbar, und schließlich hielten es sogar Vertreter des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ für angemessen, dem Schicksal der „Pantoletten“ nachzugehen.

Ursprünglich waren die Kartons an das „Großhandelskontor für Schuhe und Lederwaren“ in Dessau geschickt worden. Die Dessauer Großhändler stellten aber beim Auspacken fest, daß die „Pantoletten“ nicht gerade allerbester Qualität waren. An einigen waren die Holzsohlen mit Farbe verschmiert, an anderen ein Stück Holz abgesplittert, und bei manchen Schuhen waren die Oberteile schon abgegangen.

Also wurde die „Goldpunkt“-Lieferung wieder eingepackt und die Kartons nach Berlin zurückgeschickt. So leicht ließ sich jedoch die Ostberliner Goldpunkt-Fabrik nicht ins Bockshorn jagen. Sie verweigerte die Annahme der Kartons, denn schließlich waren die Sandalen eingeplant und ausgeliefert. Darauf begann ein hitziger Briefkrieg zwischen Dessau und Berlin. Es wurde heftig darum gerungen, wer denn nun Absender und wer Empfänger der Kartons sei.

Schließlich schaltete sich der Zonen-Finanzminister Willy Rumpf ein. Er erschien bei ‚’,VEB Goldpunkt“ und las den Schuhmachern die Leviten. „Neues Deutschland“ assistierte ihm: „Was da im Güterschuppen lagert, ist die Ehre der Fabrikmarke. Das ganze Kollektiv ringt um die 80prozentige Erfüllung des Jahresplans (bis zum DDR-Jahrestag am 7. Oktober) und will zusätzlich mehrere tausend Paar Schuhe auf den Geburtstagstisch unserer Republik legen. Zum Geburtstag schenkt man aber nur gute Schuhe.“