Was wir wissen und was nicht / Von Marion Gräfin Dönhoff

Nun wird also – die Zustimmung der Alliierten vorausgesetzt – eine Gipfelkonferenz stattfinden. Ob sie aber stattfindet, um die in Camp David gefundene Übereinstimmung zu vertiefen und zu festigen, oder ob sie stattfindet, weil man im Gegenteil in Camp David keine Übereinstimmung erzielte und nicht weiterkam, das wissen wir nicht. Jedenfalls nicht genau.

In dem Kommuniqué steht, "die Besprechungen fanden nicht statt, um über strittige Fragen zu verhandeln". Die Gespräche seien aber für die "Klarstellung der gegenseitigen Ansichten in einer Reihe von Fragen nützlich gewesen".

Im übrigen haben alle Beteiligten und alle Berichterstatter soviel "Eis schmelzen" lassen, daß man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, in der auf diese Weise entstandenen Überschwemmung seien die Konturen der politischen Landschaft nur mehr recht verschwommen zu erkennen. Nur Vizepräsident Nixon meinte, nachdem er Chruschtschow am Flugplatz verabschiedet hatte, es gebe nach der Abreise die gleichen Differenzen wie vor der Ankunft des russischen Gastes.

Auf zwei Ebenen

Man muß wahrscheinlich das weite Feld des Meinungsaustausches in zwei Bezirke zerlegen. Da ist einmal die Wirkung – nicht nur der Unterhaltung in Camp David, sondern der Besuchsreise überhaupt – auf die weltweiten Ost-West-Beziehungen. In diesem großen globalen Rahmen ist offenbar eine gewisse Entspannung eingetreten. Seide Völker haben diese Mischung aus Gaudi, ideologischem Mysterienspiel und Wildwest-Thriller doch sehr genossen. Beschlossen wurde ja auch, den kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen der USA und Sowjetrußland auszubauen. Es ist schließlich zu hoffen, und es kann sein, daß die Abrüstungsgespräche einen neuen Impuls bekommen, haben. Das wäre schon sehr viel.

Wie aber sieht es unterhalb des großen Brückenschlags Washington–Moskau aus? Was ist für die uns in erster Linie angehenden Fragen – Deutschland und Berlin – dabei herausgekommen? Um hier ein klares Bild zu bekommen, wird man sehr genau scheiden müssen zwischen dem, was wir wirklich wissen, und dem, was wir nicht wirklich wissen.