RH – Hamburg

Zu unserem Besten hat es die Post so eingerichtet, daß man das Telephon nicht abstellen kann, ob’s paßt, wenn’s klingelt oder nicht. Aber zum Besten ihrer Kunden hat die Post sich eine andere Möglichkeit ausgedacht, dem Telephonbesitzer – sprich Fernsprechteilnehmer – gelegentlich Ruhe zu garantieren. Die Möglichkeit heißt „Auftragsdienst“. Daran verdient die Post zu unserem Besten vierzig Pfennig Schaltgebühr, zwanzig Pfennig Auftragsgebühr und zehn Pfennig für jeden Anruf, der notiert wird. Will man mehrere Tage Ruhe haben, kostet es täglich noch zehn Pfennig dazu.

Schön, dachte ich – das ist es mir wert. Ich möchte endlich einmal vom frühen Abend bis. zum Morgen ohne Telephongeklingel durchschlafen können. Ich rufe also die Nummer 114 an; eine freundliche Dame notiert meinen Wunsch. „Wünschen Sie Schaltung eins oder zwei?“ fragt sie mich.

Ich entscheide mich, nachdem sie mir erklärt hat, was das bedeutet, für Schaltung zwei: Kein Anruf kommt zu mir durch, ich hingegen kann, sollte ich es wollen, von meinem Apparat aus telephonieren. Ich werde – Schutz gegen Strolche oder Witzbolde – um ein Kennwort gebeten, die Dame vom Auftragsdienst ruft zurück, stellt fest, daß alles in Ordnung ist, und ich fühle die stille Nacht schon nahen. Neben einem Telephon, das nicht läuten kann, schläft man leichter ein. Mir gelang es in fünf Minuten, was gut zu kontrollieren war. Denn dann geschah es: zweimal hintereinander, ausdauernd wie bei Überseegesprächen, schrillte mein Telephon. Verstört hob ich den Hörer ab. Nichts war zu hören, außer fernem und anonymem technischem Geräusch. Niemand antwortete auf mein Hallo. Ich legte auf und schlief wieder ein.

Die nächste Stunde wurde dadurch belebt, daß jenes Klingeln sich fünfmal wiederholte. Fünfmal auch war dasselbe zu hören: das summende Rauschen, von Leitungen, die unbeschäftigt sind.

Dann gab ich den Plan einer langen Nachtruhe auf und beschloß, einige Freunde anzurufen. Aber leider ließ mich die Schaltung zwei ein zweites Mal im Stich. Kein Amts-tut-tut war im Hörer, keine Verbindung herzustellen. Dafür klingelte es zwischendurch noch einmal auf schon vertraute Weise.

Ich zog die Kleider an, die ich nicht vor dem nächsten Morgen wiederzusehen gehofft hatte, und ging zu meinen Nachbarn. Von dort aus rief ich den Auftragsdienst an und fragte, was eigentlich los sei. Eine wieder sehr freundliche Dame sagte „einen Augenblick mal“ und kam mit dem Trost zurück: „Es ist gar nichts, meine Kollegin probiert nur, ob die Schaltung in Ordnung ist.“