r. g., Stuttgart

Nach den Hitzeferien seligen Angedenkens und ihrem Pendant, den Kohleferien der ersten Nachkriegsjahre, ist in unseren Tagen ein neuer Begriff für ausfallenden Schulunterricht aufgetaucht, der nicht minder symptomatisch ist: die Lärmferien.

In Lärmferien geschickt wurde letzte Woche ein Stuttgarter Mädchengymnasium: Das Königin-Katharina-Stift wurde für zweieinhalb Wochen geräumt, weil ein geordneter Unterricht nicht mehr möglich war. Unregelmäßige Verben und Integralrechnung, Cäsar und die Inselgruppen des Stillen Ozeans waren untergegangen in dem beraubenden Lärm der Dampframmen, die seit Wochen Tag für Tag nur wenige Meter von der Schule entfernt wüten.

Das Katharinenstift, das an der Kreuzung zweier stark befahrener Straßen in der Innenstadt liegt, ist ohnehin latenter Lärmbedrohung ausgesetzt. Zu der Grundmelodie der Straße, gesellten sich aber nicht nur die aufreizenden Dissonanzen bei dem Bau einer Fernheizungsanlage im Schulhof. Das größte Übel, im Vergleich zu dem die Bulldozer in den Theateranlagen wie summende Spielzeugeisenbahnen wirken, hat der Bau des „Kleinen Hauses“ der Staatstheater und des Kulissenhauses mit sich gebracht.

Es nützte nichts, daß man in den Klassen die Fenster dicht machte; das Haus erzitterte in seinen Grundfesten (an einer Stelle sind bereits Schäden aufgetreten), und die Dampframmen zerrten an den Nerven von Lehrerinnen und Schülerinnen. Schließlich wandte sich die Leiterin der Schule, Oberstudiendirektorin Stumpff, mit wohlgesetzten Worten an ihre vorgesetzte Behörde, die – was sicherlich vereinfachend wirkt – auch der Bauherr der Krachmacher ist.

Das Kultusministerium wie das Architektenbüro bedauerten: Die lärmerzeugenden Arbeiten duldeten weder Einschränkung noch Verlegung außerhalb der Schulzeit. Das Kleine Haus muß stehen, wenn die Bundesgartenschau, die Ursache so mancher Hetze in Verwaltungen und Baubüros, 1961 in den Theateranlagen eröffnet wird.

Sowohl die Eltern der Schülerinnen als auch das Oberschulamt kamen danach zu der Überzeugung, daß Dampframmen auch für die Nerven motor-, sport- und jazzbegeisterter Teenager zu viel sind. Die Schulbehörde beschloß, den Unterricht, und zwar vom 28. September bis zum 15. Oktober, im wesentlichen ausfallen zu lassen. Dann sollen die Dampframmen schweigen, den größten Teil des Tages wenigstens, meint die Bauleitung einschränkend.