Musikliteratur hat zumeist wenig Chancen, Bestseller zu liefern

Von Walter Abendroth

Daß die lautesten Stimmen nicht unbedingt die weisesten sind, gilt nicht nur auf dem Gebiete der Politik. Es gilt in gleichem Maße auf dem Felde der Kunst – insbesondere der Musikliteratur. Aber hier wie dort wird es immer wieder die leisere Stimme schwer haben,-sich Gehör zu verschaffen. Und so kann man mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen, daß ein Buch wie

Armin Knab: „Denken und Tun – Gesammelte Aufsätze über Musik“; Verlag Merseburger, Berlin; 243 S., 150 Notenbeispiele, 1 Faksimile, 19,80 DM

weder ein Bestseller für das Laienpublikum noch ein Standardwerk für die musikwissenschaftliche Fachwelt werden wird. Und doch hätte es den Anspruch, beides zu sein. Indessen; der Autor war schon als Komponist, von hochsolider handwerklicher Qualität, einer der „Stillen im Lande“, den man achten mußte, aber für keinerlei Parteipropaganda gebrauchen konnte. Und als Theoretiker gar hatte er die wenig sensationelle Eigenschaft, den Mund nur aufzumachen, wo und wann er etwas Sachliches zu sagen wußte (was nicht ohnehin auf allen Gassen ausgeschrien wurde). Also: ein Vertreter selten gewordener Nüchternheit. Demgemäß ist sein Stil so klar, daß jeder denkende Leser verstehen kann, wovon die Rede ist.

Diese Aufsätze, die Armin Knab noch vor seinem Tode selber für die Veröffentlichung ausgewählt hat, haben ohne Frage durchweg eine konservative Tendenz. Doch ist es leichter, sie deshalb zu ignorieren, als sie mit stichhaltigen Gründen zu widerlegen (in einigen Fällen ist das letztere nicht unmöglich, aber eben nicht einfach). Am wertvollsten sind die Artikel, die sich jeder starren Perspektive entziehen – wie die hervorragenden Analysen, die Betrachtung „Gute und schlechte Musik“, die Untersuchungen über das Finale von Bruckners V. Symphonie, über Bruckners Zeit-, maße und vieles Ähnliche.

Eine Art „geistiges Temperament“ hat dem Verfasser dieser Aufsätze die Feder geführt. Nicht Leidenschaft, aber innere Festigkeit steht hinter den Gedanken. Man möchte wünschen, es würden heute mehr solche Musikbücher geschrieben, die dazu beitragen dürften, die nüchterne Auseinandersetzung zu fördern.