Bei meinen amerikanischen Schriftsteller-Freunden auf der spanischen Insel braucht man kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie sind gutmütig und tolerant und haben sich längst damit abgefunden, daß wir Europäer über Amerika viel besser Bescheid wissen als sie selber – einfach darum, weil wir mehr über Amerika gelesen haben. Sie hören auch freundlich zu, wenn wir ihnen klarmachen, was an Amerika nicht stimmt, und sie lauschen aufmerksam, wenn wir ihnen Ratschläge erteilen, wo der Hebel anzusetzen wäre, um wenigstens die schlimmsten Mißstände in ihrem Lande zu beseitigen.

So fair und liebenswert sind meine amerikanischen Schriftsteller-Freunde. Sie nehmen es auch nicht übel, wenn wir ihren Eisschrank, den sie nicht ohne Mühe von Texas nach Spanien gebracht haben, als typisches Zeichen amerikanischer Zivilisationshörigkeit und Verweichlichung werten. Und sie geraten auch keineswegs mehr in Panik, wenn diese Europäer gelegentlich komische Namen wie Chagall oder Kandinsky in die Debatte werfen. Sie ahnen, daß diese Namen nur erfunden worden sind von den Europäern, um den Amerikanern ihre Unbildung zu beweisen.

Aber einen schwachen Punkt, wo sie sehr empfindlich sind, haben sie doch, diese Amerikaner. Das ist der Mond. Es scheint beinahe so, als hätten sie eine innigere Beziehung zu ihm als andere Völker.

Als die Russen den Mond trafen, fingen meine amerikanischen Freunde an zu leiden. Seit jener russischen Rakete machen sie so traurige und betroffene Gesichter, als habe ihnen ein übelbeleumdeter Geselle ein geliebtes, unberührtes Mädchen vor der Nase weggeschnappt.

Zwar ist ihnen immer noch die Chance geblieben, das geliebte Wesen nach einiger Ehezeit mit den Unhold doch noch zu erobern – aber von unberührt kann dann natürlich keine Rede mehr sein

An meinen Amerikanern kann man erkennen, daß es noch wirkliche Liebe und vor allem noch wirkliche unglückliche Liebe gibt in der Welt. Erwähnt man auch nur unvorsichtigerweise den Namen der Geliebten, trifft es sie mitten ins Herz Jeden zufälligen Blick dorthin, wo die Geliebte zu sehen ist, deuten sie schon als Versuch, sie unnötig zu quälen – weshalb ihnen auch nichts verhaßte) ist als mondklarer Abendhimmel und nichts willkommener als Regenwolken. So zartbesaitet sind meine Amerikaner, daß es sie schon verstört und traurig macht, wenn einer in aller Unschuld die Melodien von Liedern pfeift, die etwas mit dem Mond zu tun haben, etwa die vom Vollmond und den lehren Armen.

Es nützt auch wenig, meine liebeskranken Amerikaner trösten zu wollen, indem man sie an ihre großen Leistungen auf anderen Gebieten erinnert. Weist man sie zu guter Letzt darauf hin, daß es schließlich noch andere schöne, ja sogar viel schönere Himmelskörper am Horizont gibt, die sie vielleicht einmal umarmen könnten, dann wenden sie nur schweigend den Blick zum Himmel und gucken versonnen und sehnsüchtig in den Mond.